Nehmen Sie Platz!?

Wann haben Sie diesen Satz das letzte Mal gehört – oder selbst ausgesprochen? Wie lesen Sie ihn heute? Als Frage: „Nehmen Sie Platz?“, oder eher als Aufforderung: „Nehmen Sie Platz!“ Es gibt Tage, da würden wir diese Frage gern stellen. Jemanden einladen, jemanden bei uns haben, jemandem einen Platz anbieten – am gemeinsamen Tisch, im Alltag, im Herzen.
Und es gibt Tage, da würden wir uns diese Worte selbst wünschen. Einfach mal Platz nehmen dürfen: ohne Scham, ohne schlechtes Gewissen, ohne Scheu und ohne das Gefühl, fremd zu sein. Einfach wissen dürfen: Ja, ich bin hier angenommen. Ich darf hier sein – so wie ich bin. Und dann gibt es Tage, da scheint beides nicht möglich. Da bin ich allein, da irre ich umher und weiß nicht so recht, wo mein Platz ist. Wer möchte mich eigentlich bei sich haben? Wer lädt mich ein?
Bei diesen Gedanken kommt mir ein Liedvers in den Sinn, der mich immer wieder tröstet: „Ihr seid eingeladen. Gott liebt alle gleich. Er trennt nicht nach Farben, nicht nach Arm und Reich. Jeder Mensch darf kommen. Gott spricht ihn gerecht. Ihr seid eingeladen“ – das heißt: auch ich bin eingeladen. Auch ich darf mich setzen und habe einen festen Platz – bei Gott. Bei ihm darf ich meine Gedanken, Zweifel und Ängste ablegen. Bei ihm darf ich einfach sein, kommen und gehen – so wie ich bin.
„Nehmen Sie Platz!“ Das ist eine Einladung, eine Aufforderung von Gott selbst, die Mut macht. Gott ist der größte Gastgeber überhaupt. Er hat immer Platz an seinem Tisch. Er nimmt sich unser an. Und vielleicht habe ich das selbst schon gespürt – manchmal ganz leise, manchmal überraschend deutlich. Wenn wir dieses Angenommen-Sein erfahren, können wir die Einladung weitergeben. Vielleicht, indem wir anderen Menschen ganz bewusst Raum schenken und ihnen – mit Worten oder Taten – sagen: „Nehmen Sie Platz.“
Auch unsere Kirchen haben offene Türen und viel Platz – selbst bei den Gottesdiensten. Aber auch darüber hinaus: dann, wenn Sie es spüren und sich einfach einmal in ein geschichtsträchtiges Gebäude setzen möchten. Dort, wo schon so viele Menschen saßen, wo Freude und Leid ihren Raum hatten. Vielleicht lässt sich dort etwas von diesem Gefühl spüren: angenommen zu sein. Denn auch dort gilt diese leise, liebevolle Einladung: „Nehmen Sie Platz.“
Vielleicht nehmen auch Sie sich heute einen Moment Zeit. Setzen sich hin. Atmen durch. Und hören diese Einladung, die Ihnen gilt – ganz persönlich: „Nehmen Sie Platz.“
Diakonin Sabrina Schade
