Pfarrer

2021-01-17

Hab ich einen Durst und eine Sehnsucht…
…nach einem gescheiten Getränk und Geselligkeit in der Gastwirtschaft oder Berghütte, im Anschluss an den Sport oder nach der Wanderung!
…nach einem gescheiten Theater- oder Konzertbesuch; nicht nur per Streaming am PC oder am Fernseher, sondern in echt, real, mit allen Sinnen im Konzertsaal!

Doch geht momentan leider nicht – alles geschlossen oder verboten.

Hab ich einen Durst und eine Sehnsucht
…nach einem gescheiten evangelischen Gottesdienst mit Singen, kompletter Liturgie und vielleicht sogar Abendmahl und Kirchenkaffee; nicht nur immer diese arg kurze Form wegen Corona und wegen der Kälte in der Kirche!

Doch geht momentan leider nicht – das eine ist strikt verboten, das andere ist nicht ratsam, um das Risiko beim Gottesdienst möglich gering zu halten, sagt der Pfarrer.

Hab ich einen Durst und eine Sehnsucht…
…nach Normalität in meinem Beruf, wo täglich der Ausnahmezustand herrscht.
…nach etwas Besonderem in meiner Freizeit, wo täglich die Entbehrung und der Mangel herrscht.

Hab ich einen Durst und eine Sehnsucht…
…mal wieder nach einem gescheiten Familienfest oder sogar nach einer ordentlichen Hochzeit: ausgelassen und sorglos das Leben und die Liebe feiern, in guter Gesellschaft mit anderen, mit schöner Musik und gutem Wein!

Das Bild einer rauschenden Hochzeit, mit ordentlich Lebensfreude und gutem Wein, das stellt uns auch der Evangelist Johannes im heutigen Predigttext (Johannes 2,1-11) vor Augen, um uns zu verdeutlichen:
ER bringt Freude und Fülle und Er-füllung, ja, Herrlichkeit in dein Leben, wo DU gerade an Durst und Mangel, an Enttäuschung und Entbehrung leidest.

Der Evangelist Johannes weiß nur zu gut, in welcher Armut, in welcher Bedrängnis und Not die Christen damals lebten, unter wieviel Ungerechtigkeit sie litten, wie unglücklich sie in ihrem tristen Alltag waren. Und so greift er ganz bewusst ihre Sehnsucht und ihren Durst nach einer wunderbaren Hochzeitsfeier auf, malt ihnen ein ganz kräftiges Bild in buntesten Farben vor Augen.

Wenn wir ehrlich sind, ist so eine Hochzeit auch heute noch für viele das Höchste der Gefühle, eine große Sehnsucht, ganz besonders in diesen entbehrungsreichen Monaten der Corona-Pandemie! So ruft der Evangelist Johannes auch uns zu: Schaut auf Jesus und betet darum, dass ER in euer Leben kommt. Denn: Jesus ist erschienen, um Freude und Lebendigkeit in die Welt zu bringen. Er will nicht, dass wir Mangel und Dunkelheit haben, sondern echte Fülle, helle Freude!

Genauer noch: Das messianische Zeitalter hat mit IHM begonnen! So muss man die Episode von der Hochzeit zu Kana wohl verstehen. Für die jüdische Welt damals war der heutige Predigttext ganz  unmittelbar verständlich: Wo der allerbeste Wein in Strömen fließt, da ist der Messias da!

Das war und ist freilich – damals wie heute – eine höchst anstößige Botschaft. Zum einen haben viele Menschen gefragt: Wo ist sie denn, die messianische Herrlichkeit, die mit Jesus angeblich schon in der Welt ist? Ich seh sie nicht! Bei uns herrscht eher Mangel und Durst, obwohl ich getaufter und gläubiger Christ bin! Und: Darf man als Christ wirklich feiern?

Denen entgegnet der Evangelist: Zum Teil hast du Recht! Die ganz große Vollendung steht wirklich noch aus. Meine Zeit ist noch nicht gekommen, sagt Jesus damals schon. Und so müssen wir wohl immer noch Geduld haben, ausharren, bis heute!

Jesus, so hat es den Anschein, lässt sich manchmal schon arg bitten und lässt sich oft ganz schön viel Zeit! Das musste nicht nur seine Mutter damals erfahren, sondern Christen aller Zeiten. Oft genug schmerz-voll.

Und doch sollt ihr Christen diese Sehnsucht, diese Hoffnung auf die große Wandlung am Ende nicht verlieren. Haltet euren Durst, eure Sehnsucht wach, damit ihr dann wirklich mitfeiern könnt, wenn es soweit ist, wenn Jesus ganz und gar sichtbar erscheint, am Ende der Zeiten.

Doch auch jetzt schon – so lautet die zweite Botschaft des Evangelisten ­– sollt ihr mitten in eurem Leben solche Strahlen von Jesu Herrlichkeit erkennen: überall dort, wo Freude in eurem Alltag ist, gute Gemeinschaft, Liebe, innerliche Erfüllung, aber auch Unterbrechung aller Mühen des Alltags!

Deshalb: Bittet Jesus, in euer Leben zu kommen, und genießt dann bitte auch das Schöne und Fröhliche in eurem Leben! Es kommt von Gott. Schon wahr, unter Corona-Bedingungen ist das derzeit alles etwas schwieriger mit dem Genießen, aber dennoch bleibt diese Botschaft des Evangeliums wahr; und es kommen auch wieder normalere Zeiten.

Gott will nicht, dass ihr dauernd enttäuscht und traurig und miesepetrig und dauer-asketisch und lust-feindlich durch die Welt lauft, sondern erfüllt von innerer wie äußerer Freude, immer wieder mit allen Sinnen genießend sollt ihr leben!

„Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude“ (EG 66,1). Jetzt schon beginnt das und wird immer deutlicher und heller werden! Das ist und das bleibt die hoffnungsvolle wie anstößige Botschaft bis heute.

Jesus will uns an-stoßen, dass wir immer wieder auf-brechen, raus-gehen aus unserm Jammertal und der himmlischen Vollkommenheit entgegen-wandern: zum gescheiten Schoppen in der himmlischen Berghütte mit Gott, könnte man sagen.

Und bereits auf dem Weg dorthin sollen wir immer wieder Wunder erleben, Verwandlung von Wasser zu Wein. Wie einst auf der Hochzeit zu Kana, so auch heute, morgen und in Ewigkeit! Amen.

Pfarrer Martin Schuler

2021-01-10

„Mache dich auf, werde licht!“

Noch steht in vielen Wohnungen und Häusern ein Weihnachtsbaum. Noch hängt die Weihnachtsbeleuchtung in den Gassen der Eichstätter Altstadt. Doch das Licht des Weihnachtsfestes scheint zu Beginn dieses neuen Jahres schon fast vergessen. Stattdessen Verlängerung des Corona-Lockdowns, Flüchtlinge ohne Fürsprecher in Bosnien oder kapitolstürmende Trump-Anhänger in Washington D.C. Einen Gegenpol zu diesen dunklen, wenn nicht gar finsteren Ereignissen bildet für mich eine biblische Verheißung, die im Buch des Propheten Jesaja überliefert ist. Dort heißt es: „Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir!“ (Jesaja 60,1).
Der Prophet, von dem diese Worte stammen – er lebte vermutlich im 6. Jahrhundert vor Christus –, wusste natürlich noch nichts von Weihnachten. Er richtete seine Worte an Menschen, deren Vorfahren von den Babyloniern aus ihrer Heimat Palästina in das Gebiet des heutigen Irak verschleppt worden waren. Nach Jahrzehnten in der Fremde durften sie nun in das Land ihrer Vorfahren zurückkehren. Dort hatte allerdings niemand auf sie gewartet. Die Zukunftsfreude der Rückkehrer drohte zu zerbröseln. In dieser misslichen Lage ermutigte sie der Prophet, nicht auf das Dunkle und Schwere zu stieren, sondern das Lichte in ihrem Leben zu suchen und Gott eine Wendung ihrer Situation zuzutrauen.
Wie gesagt: Der Prophet, von dem diese Worte stammen, wusste noch nichts von Weihnachten. Aber seine Worte haben durchaus einen weihnachtlichen Klang. Auch wenn das Weihnachtsfest am Ende eines jeden Jahres steht, setzt es doch keinen Schlusspunkt, sondern es ist ein Anfang. Es ist der Anfang einer von Gott eröffneten Zukunft, die durch den Traum von Frieden, Gerechtigkeit und Freiheit bestimmt ist. Für diesen Anfang steht das Kind in der Krippe, das – nach dem Johannesevangelium – das „Licht der Welt“ (Johannes 8,12) ist.
Die Hirten und die Weisen aus dem Morgenland waren gemäß der biblischen Weihnachtsgeschichten die ersten bei dem Kind in der Krippe. Das Licht, das von ihm ausging, hatte sie angezogen. Einige Zeit verweilen sowohl die Hirten als auch die Weisen in dem Stall mit der Krippe und dem Kind. Danach gehen sie wieder ihrer Wege. Sonst erfährt man nichts mehr von ihnen. Ich stelle mir jedoch vor, dass die Zeit an der Krippe in ihnen den Traum von Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit neu geweckt hat und dass sie fortan das Ihre dazu beigetragen haben, dass die Welt lichter wird.
Auch wir lassen Weihnachten nun hinter uns und gehen weiter in das neue Jahr. Dabei kann das, was einst der Prophet den enttäuschten Heimkehrern zurief, auch für uns ein Leitstern sein: „Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir!“

Pfarrer Christoph Hilmes

2020-12-24

Wann würde es denn passen…?

In diesem Jahr ist das Timing besonders schlecht: Ausgerechnet am gefühlten Höhepunkt des Jahres sollen wir uns deutlich einschränken und möglichst allein zuhause bleiben – statt Froh-locken haben wir Lock-down.

Ich werde mich jetzt nicht in die Schar derer einreihen, die seit Wochen Tipps geben, wie wir Weihnachten doch noch retten können… nach dem Motto: „Alles ein bisschen bescheidener, tut uns doch auch mal gut!“.

Nein, für mich ist Weihnachten in diesem Jahr wirklich „bescheiden“:
So viele Kranke und Gestorbene; soviel medizinisches Personal am Rande der Erschöpfung; so viele Menschen in Angst und Sorge um die Zukunft – und das mitten im hoch-technologisierten und wohlhabenden Deutschland!
Wenn man Weihnachten doch nur ins Frühjahr oder lieber gleich in den Sommer verschieben könnte! Jedoch: Ob wir tatsächlich einen gemeinsamen Alternativtermin finden würden, wo wirklich alles passt?

Ich persönlich erinnere mich an Weihnachten in meiner Kindheit, mitten in den düsteren 80er Jahren, als meine Großmutter kurz vor oder nach der Bescherung zu „politisieren“ begann, sprich: ausgeschnittene Zeitungsartikel rumreichte, mit schlimmen Nachrichten aus Bürgerkriegsländern. Sie war damals eine der ersten „Grünen“ in der „kohlrabenschwarzen“ Oberpfalz und konnte uns durch ihr vielfältiges Engagement (gegen das Waldsterben und gegen die WAA Wackersdorf, für Amnesty International und Ärzte gegen den Atomkrieg uvm.) die Weihnachtsstimmung immer wieder gehörig verhageln, wenigstens vorübergehend.

Auch in späteren Jahren habe ich oft schlucken müssen, wenn ich zu Weihnachten von Wirbelstürmen oder Flüchtlingselend gehört habe; schlimmer noch: wenn Familienangehörige ausgerechnet zu Weihnachten im Krankenhaus lagen; oder wenn ich dann als junger Pfarrer kurz vor oder nach Weihnachten Beerdigungen halten musste, in einer weihnachtlich geschmückten Kirche.

Genau da habe ich jedoch gemerkt, wie wichtig und wohltuend es war, dass da ein Christbaum stand, dass die Kerzen brannten, dass die Weihnachtsbotschaft trotzdem verkündet wurde: „Fürchtet euch nicht: Euch ist heute der Heiland, der Erlöser in aller Not geboren. Unscheinbar und leicht zu unterschätzen, der kleine Bursche… Aber doch wahrhaft Gottes Sohn, Gott selber. ER will euch nahekommen und trösten und neue Kraft und neue Hoffnung geben, Licht in eure Dunkelheit bringen, so manches heilen und versöhnen ­– auf, dass diese friedlose Welt ein bisschen friedlicher und vielleicht auch fröhlicher werde – mitten in eurem Schlamassel!“.

Mangels Stimmung oder Vorfreude hätte ich Weihnachten schon mehrere Male am liebsten verschoben oder abgesagt; und doch finde ich, dass Weihnachten trotzdem irgendwie begangen werden darf und sogar muss.

Auch im und nach dem Zweiten Krieg wurde Weihnachten in Europa begangen und hat den Menschen Mut gemacht. Sogar in der sogenannten Dritten und Vierten Welt brauchen die Menschen Weihnachten. Sie können es gar nicht dauernd absagen, denn passen würde es ja nie.

Nein, ich will nichts verharmlosen; ausgerechnet das Fest der Liebe darf in diesem Jahr wirklich nicht mit zu viel Nähe und Gemeinschaft gefeiert werden; das ist wahr! Aber mit Vorsicht und Kreativität ist doch noch einiges möglich, bei uns im hoch-zivilisierten Deutschland; auch die seelischen, psychischen und geistlichen Bedürfnisse dürfen nicht völlig runterfallen. Dann aber sollte auch das Schweigen und Beten für unsere Kranken und Verstorbenen dazugehören; Weihnachten ist seit Jahrhunderten ausgerechnet in der dunkelsten Jahreszeit, damit wir Kerzen anzünden. Nicht gegenseitig verurteilen, sondern gegenseitig beistehen, so gut es geht!

Dazu gehört freilich auch, die ganz große Welt „da draußen“ im Auge zu behalten, wie es meine unbequeme Großmutter angemahnt hat. Die Geburt des Heilandes will von jeher allen Menschen helfen, gerade auch den Ärmsten… Sie brauchen allerdings nicht nur Worte der Hoffnung und unser Gebet, sondern auch ganz konkrete Spenden von uns Christen, zum Beispiel an „Brot für die Welt“ oder „Adveniat“. Darum bitte ich auch Sie, liebe Leserinnen und Leser, so gut es Ihnen möglich ist.

Ein letzter Gedanke: „Ehre sei Gott in der Höhe – und Frieden auf Erden!“, singen die Engel im Weihnachtsevangelium. Schon damals „passte“ es eigentlich gar nicht: In einer zugigen Garage während der römischen Besatzungszeit in Israel-Palästina, als kleines wehrloses Kind, ganz ohne Security, vom mordlustigen König Herodes gesucht, dann gleich Flucht von Bethlehem nach Ägypten, ganz ohne Kindersitz auf einem windigen Esel… am Ende gekreuzigt wie ein Schwerverbrecher, obwohl er doch eigentlich nur Frieden bringen wollte!

Gott hat sich ganz schön viel zugemutet, als er in die Welt kam, hat ein recht hohes Risiko auf sich genommen, um uns seine Liebe und seine Nähe zu zeigen. Nein, soviel Risiko sollten wir Menschen in diesen Tagen nicht auf uns nehmen – aber deutlich mehr Gelassenheit täte uns wohl gut, dass es auch ohne riesige Feiern „richtig Weihnachten“ werden kann.

Nämlich dann, wenn wir endlich mal zur Ruhe kommen und unser Innerstes für Gott öffnen – so dass Jesus auch in unser Herz hinein-geboren werden kann. Dann wird sein Licht und sein Frieden auch unsere Dunkelheiten erhellen. Das soll unsere größte Zuversicht im Leben und im Sterben sein, wie es schon im Heidelberger Katechismus im 16. Jahrhundert hieß, im ungemütlichen Mittelalter.

„Fürchtet euch nicht, steht einander bei und vertraut darauf, dass Jesus es wieder hell werden lässt!“ Wann würde es denn passen, wenn nicht jetzt…?

Pfarrer Martin Schuler

2020-12-13

Bereitet dem HERRN den Weg – denn er kommt mit Macht!

So ruft uns die göttliche Stimme zu – durch den Mund des Propheten Jesaja (Kapitel 40,1-11), aber auch durch Johannes den Täufer, den letzten Vorläufer und Ankündiger für Jesus.

Bereitet dem HERRN den Weg – macht eine ebene Bahn, räumt die Hindernisse weg –
damit Gott selber zu euch kommen kann, in eure Herzen einziehen kann, damit er euch trösten, stärken, heilen und verwandeln kann.

Wie heißen unsere Hindernisse im Advent 2020?

Viele von uns machen sich Sorgen: Wieviel bleibt von Weihnachten in diesem Jahr überhaupt noch übrig – angesichts der hohen Corona-Zahlen und immer mehr Einschränkungen?

So mancher von uns spürt vielleicht auch Enttäuschung oder Wut: Warum hat man nicht früher mit den scharfen Maßnahmen begonnen? Oder: Warum halten sich die Leute einfach nicht dran…? Aber auch: Wie soll ich das alles weiter durchhalten – wovon soll ich leben?

Ja, und unabhängig von Corona ist da oft genug noch der andere Groll: alte Familiengeschichten, alter Streit und alte Verletzungen.

Und wenn wir in die große Welt hinausschauen: Wieso werden noch immer Menschen verfolgt, eingesperrt und getötet, wie damals Johannes der Täufer – weil sie für Recht und Gerechtigkeit, für Wahrheit und Wahrhaftigkeit, für Gleichberechtigung und Fairness eintreten?

Kein Wunder, wenn unser Herz da immer wieder zu-schließt, aus Selbstschutz die Rollläden runter-lässt, sich ein-kapselt. Lock-down des Herzens – nicht nur in diesem Jahr!

Und trotzdem und mit gutem Grund ruft uns der Prophet zu:
Bereitet dem HERRN den Weg – macht eine ebene Bahn, räumt die Hindernisse weg –
so gut es geht!

Natürlich, liebe Gemeinde, können wir in diesem Jahr besonders viel klagen und jammern, dass wir nicht in Weihnachtsstimmung kommen – weil uns dauernd von außen die Weihnachtsfreude verhagelt wird.

Aber wenn wir genauer hinschauen, werden wir merken:  Das sind doch nur äußerliche Ausreden! Das Entscheidende muss in unseren Herzen geschehen, sagt die Bibel seit Jahrhunderten.

Ob es in uns Weihnachten in uns werden kann, ob Jesus in unser Herz hineingeboren werden kann, ob wir in uns Freude und Freiheit, Erleichterung und Erlösung spüren – das hängt doch nicht am Glühwein, an den Geschenken und am Weihnachtsessen!

Sondern daran, dass wir unsere Fragen und Sorgen und Ängste überwinden und das Vertrauen und die Hoffnung auf das Kommen unseres Heilandes wichtiger nehmen als alles andere!

Da muss tief drinnen in uns was passieren, sich verändern;  da muss in unserem Herzen freigeräumt werden, wieder aufgesperrt werden… Das ist die große Botschaft der Propheten, der Ankündiger, der Vor-arbeiter für Gottes Kommen.

Freilich: Zu solchem Aufräumen, Freiräumen, Vergessen und Verzeihen gehört ganz schön viel Kraft, die uns oft genug ausgeht.

Wahrscheinlich gelingt uns solches Wegräumen der Hindernisse auch nie vollkommen und dauerhaft, sondern immer nur stückweise, tendenziell, graduell –  aber wenigstens ein bisschen Weg zwischen den Felsen können wir dann doch hindurchbahnen, wie ein schmaler Bergbach sich den Weg bahnt zwischen dem Schutt.

Das Tröstliche dabei ist: Das Meiste wird Gott machen! Durch seinen Heiligen Geist!

Der HERR kommt… ER kommt mit Macht, heißt es bei Jesaja und allen anderen Propheten – das ist die eigentliche Hauptbotschaft heute, die wir unbedingt hören sollen.

Was WIR zum Kommen Gottes beitragen können, ist so gesehen relativ wenig;
und diese Erkenntnis möge uns vor übertriebenem Aktionismus oder Verzweiflung bewahren.

Gott kommt uns auf jeden Fall nahe, lässt sich nicht aufhalten, räumt das allermeiste selber weg, was seinem Willen zur Versöhnung entgegensteht, lautet die Hauptbotschaft  –
aber beim letzten Stück, an der Pforte zu unserem Herzen müssen wir Menschen selber mithelfen, selber öffnen, hören wir zugleich.

Gott kommt, mit Macht… aber auf seine ganz eigene Weise… oft auch ganz anders, als wir es erwarten, werden wir schließlich im Weihnachtsevangelium (Lukas 2) hören.

Vielleicht ist es also – wie eigentlich schon immer – auch in diesem Jahr das Einfachste und Beste, auf dieses Kind in der Krippe zu schauen, sich von seinem Neugeboren-Sein anrühren zu lassen, sich von all der Hoffnung auf Neuanfang im Stall bewegen zu lassen.
 
Gott gibt nicht auf, lässt sich von all unserem Schutt und unseren Sorgen und Bedenken nicht beirren – sondern sucht und findet immer wieder einen neuen Weg zu uns, ins Herz – auf dass dieses oft dunkle Herz wieder hell werde, auf dass unsere Seele wieder singe.

Dafür sollen wir bereit bleiben, offen bleiben – mit ganz viel Vertrauen, dass diesem Gott kein Ding unmöglich ist, wie es im Lobgesang der Maria heißt. Auch Maria übrigens eine große Prophetin, eine Weg-bereiterin Gottes und unübertroffenes Vorbild für uns –  mit ihrer unendlichen Offenheit für Gott.

Bereitet dem HERRN den Weg – macht eine ebene Bahn, räumt die Hindernisse in euch weg, macht euer Herz auf – denn Gott selber kommt mit Macht, will mit Herrlichkeit einziehen, die sich freilich in ganz viel Zartheit verbirgt:

In Jesus Christus, in diesem kleinen Kind, sollt ihr finden alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis, wahre Freude und Freiheit, wirkliche Heilung und Erlösung.

Darum: Fürchtet euch nicht, lass euch nicht von den Sorgen dieser Welt das Herz zuschnüren, sondern lasst eine Lücke offen – damit Jesus auch bei euch einziehen kann – in der Kraft des Heiligen Geistes. Amen.

Pfarrer Martin Schuler

2020-12-12

Kurs auf Weihnachten

Seit Kurzem steht sie wieder auf den Altarstufen der Erlöserkirche, unsere Weihnachtskrippe. Im Stall wartet schon die leere Krippe auf das Jesuskind. Daneben der Ochse und vor dem Stall ein erster Hirte mit Schafen. Mehr ist noch nicht los – es ist ja auch noch nicht Heiligabend. Doch Figuren, Tiere und Deko liegen auf der untersten Altarstufe bereit. Es wird also langsam ernst mit Weihnachten. Noch im letzten Jahr bedeutete das: sich auf vor-weihnachtlichen Sozialitäten tummeln, Geschenke besorgen, Essensvorlieben abstimmen, Besuche koordinieren und anderes mehr. All das fällt in diesem Lockdown-Advent flach. Angesichts (zu) hoher Infektions- und Todeszahlen ist zudem offen, unter welchen Bedingungen wir in gut zwei Wochen Weihnachten feiern können. Gewiss, diese Unsicherheit ist unangenehm. Sie mag auch Ängste schüren und verschiedentlich für Streit sorgen.
Wahr ist aber auch: Die Adventszeit ist erst halb rum. Jede und jeder von uns hat noch etwas Zeit, sich auf dieses Corona- Weihnachten einzustellen und Vorbereitungen zu treffen. Zwei Fragen können dabei eine Hilfe sein: 1. Wie kann ich für mich sorgen, damit es mir zu Weihnachten – trotz der besonderen Umstände – gut geht? 2. Was kann ich für andere tun, damit sie dieses Jahr ein schönes Weihnachtsfest erleben? Mit etwas Vorlauf wird sich für vieles eine passable bis gute Lösung finden. Bescherung in der Großfamilie etwa geht auch per Skype. Ein Solo- Weihnachtsabend auf der Couch mit Lieblingsessen und Lieblingsserie ist kein Weltuntergang. Und vielleicht führt Corona ja auch zu mehr Weihnachtspost.
Vieles rund um Weihnachten lässt sich bedenken, planen und vorbereiten. Doch Weihnachten heißt auch: Gott kommt in unsere Welt. Genauer: Gott kommt in uns zur Welt. Darum geht es auch in dem Lied „Ich steh an deiner Krippen hier“ des Pfarrers und Dichters Paul Gerhardt (1607-1676). Dort heißt es in der letzten Strophe: „So lass mich doch dein Kripplein sein; /komm,komm und lege bei mir ein / dich und all deine Freuden“ (Evangelisches Gesangbuch 37,9). Dass es Weihnachten wird tief in mir, dass ich das spüre und erlebe – das kann ich nicht machen. Das ist etwas, das mir geschenkt wird. Mal mehr und mal weniger spürbar, aber jedes Jahr aufs Neue – Corona hin oder her.
Wie eingangs schon gesagt: Noch ist die Krippe in der Erlöserkirche leer. Aber der Ochse, ein Hirte und einige Schafe sind schon da. Es wird also allmählich ernst mit Weihnachten. Mögen Sie in der verbleibenden Adventszeit gut Kurs nehmen aufs Weihnachtsfest und möge es beizeiten Weihnachten werden – in Ihnen und um Sie herum!

Pfarrer Christoph Hilmes

2020-11-29

Gottes Menschenliebe findet einen Weg zu uns

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

„Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging …“ – so beginnt die Weihnachtsgeschichte in der Bibel. Ein Bote des Kaisers verkündet in unserem Krippenspiel dieses Gebot allen Bewohnern von Nazareth. Sonst ist dieser Bote eher eine Nebenfigur. Doch in diesem Jahr gewinnt er eine besondere Bedeutung.

Der römische Herold, der Maria und Josef befiehlt, von Nazareth nach Bethlehem zu wandern – er steht für mich in diesem Advent für alles, was uns hindert, an Orten zu sein, wo wir gerne wären. Für alles, was uns hindert, Menschen zu treffen, mit denen wir gerne zusammen sein möchten. Für alles, was uns daran hindert, lieb gewordenen Gewohnheiten wie z.B. dem gemeinsamen Singen oder Musizieren nachzugehen, die sonst zu dieser Zeit dazugehören.

Immerhin hat für uns dieses „Geht nicht“ einen guten Sinn, nämlich die Gesundheit und das Leben anderer zu schützen. Maria und Josef hingegen mussten das Gebot des Kaisers nur befolgen, um sich seiner ausbeuterischen Steuerpolitik zu unterwerfen.

Und dennoch gewinnt die Rolle des Boten sogar vor dem negativen Hintergrund der römischen Fremdherrschaft eine positive Bedeutung: der Bote des Kaisers Augustus setzt die ganze Weihnachtsgeschichte in Gang. Ohne ihn gäbe es keinen Weg nach Bethlehem, keine Heilige Nacht im Stall, keine Engel auf den Schafweiden, keine Hirten an der Krippe.
So hat Gott vor ca. 2020 Jahren die Weltgeschichte in seinen Dienst genommen, um in unsere Welt zu kommen. Und so kommt er auch heute in unsere Welt, wie sie eben gerade ist.

„Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer.“ (Sacharja 9,9) – lautet der Wochenspruch zum 1. Advent aus dem Buch des Propheten Sacharja. Gott kommt, um uns zu zeigen, dass er ganz anders ist als wir das möglicherweise von ihm befürchten. Er kommt nicht als strenger Befehlshaber, sondern als kleines Kind, das unser Herz erfreut und das später den Menschen Gutes tun wird.

Wenn wir uns fragen, wie die Advents- und Weihnachtszeit in diesem Jahr wohl werden wird, dann gibt mir die Geschichte von Maria und Josef die Hoffnung: auch in diesem Jahr, auch unter Coronabedingungen wird Gottes Menschenliebe Wege zu uns finden. Sie lässt uns etwas vom Advent, von Jesu Ankunft in unserer Welt spüren. Möglicherweise an anderen Orten, als wir es gewohnt sind. In anderen Begegnungen, als wir es erwarten. Oder sogar in der Zeit, in der wir das nicht machen können, was für uns sonst Advent bedeutet.

Aber: Gott kommt in unsere Welt – nicht zuletzt auch durch uns Menschen selbst. Wir selbst können Boten werden – des Königs, der „Heil und Leben mit sich bringt“, wie es in dem Lied „Macht hoch die Tür“ heißt. Ich wünsche uns allen für diese Adventszeit, dass wir Gottes Menschenfreundlichkeit erfahren und so etwas von seinem Frieden und seiner Barmherzigkeit in die Welt bringen können.

Pfarrerin Christiane Rabus-Schuler

2020-11-22

Ewigkeitssonntag 2020

Gloria sei dir gesungen,
mit Menschen- und mit Engelszungen,
mit Harfen und mit Zimbeln schön.

Von zwölf Perlen sind die Tore
an deiner Stadt; wir stehn im Chore
der Engel hoch um deinen Thron.

Kein Aug hat je gespürt,
kein Ohr hat mehr gehört
solche Freude.
Des‘ jauchzen wir
und singen dir
das Halleluja für und für.


(Evang. Gesangbuch 147,3)


So werden wir es ganz am Schluss singen, ganz am Ende unseres irdischen Lebens. Denn wir werden leben – auch jenseits des Sterbens, rufen uns die Bibeltexte und Lieder am Ewigkeitssonntag zu!

Jesus ruft uns aus den Toten. Und wenn wir seine Stimme hören und ihm vertrauen, dann führt er uns in den himmlischen Festsaal, wo unsere Seele Hochzeit mit Jesus feiern wird, mystische Vereinigung, untrennbare Einheit mit Jesus.

Und es wird vollkommene Freude herrschen; der alte Schmerz ist vergangen, heißt es weiter. Hell und glänzend wird es sein, im himmlischen Festsaal; das alte Zwielicht ist vorbei. Und wir werden mit allen Verstorbenen, mit allen Heiligen und allen Engeln zusammen ein wunderbares Festmahl, das „große Abendmahl“ feiern.

Und unsere Seele wird endlich ganz und gar satt werden, erfüllt von soviel Freude und Gemeinschaft und Liebe, die von unserem Herrn Jesus Christus ausgeht. Denn der HERR selbst wird in diesem Festsaal anwesend sein, auf dem Thron sitzen. Er allein ist der allmächtige und barmherzige König; und seine Macht kennt kein Ende.

Und wir werden endlich ganz und gar „zuhause“ sein und erfüllt sein von soviel Dankbarkeit, dass wir den Herrn endlich sehen dürfen und für immer in ihm leben dürfen, in seiner Herrlichkeit. Und spätestens dann werden wir alle miteinander singen, voller Freude und Dankbarkeit über das Leben in Gottes Hand – so ähnlich wird es uns verheißen.

Mit solch wunderbaren Bildern versuchen die Bibeltexte und Lieder für den Ewigkeitssonntag uns einen Vorgeschmack auf das ewige Leben jenseits des Todes zu geben. Man könnte auch sagen:
Wir sollen bereits jetzt die fröhlichen Melodien von ferne hören, schon jetzt mal mitsummen, was wir dereinst von ganzem Herzen und ganz unbeschwert singen werden –  im himmlischen Freudensaal, in der Auferstehung!

Diese mystischen, geheimnisvollen Bilder und Melodien aus der Vollendung sollen uns jetzt schon trösten und stärken, gerade auch in den dunklen Zeiten unseres Lebens, gerade auch in den Trauer-Tälern.

Ja, ich weiß: Momentan fällt das so manchem unter uns noch schwer, solche Bilder und Melodien der Hoffnung und der Freude und der Zuversicht zu sehen, zu glauben und mitzusingen.
Gerade wenn man einen Menschen verloren hat, wenn man ihn ziehen lassen musste, da verschlägt es einem erst mal die Stimme. Da bleibt man immer wieder stumm. Und wenn, dann kann man solche Hoffnungslieder erst mal nur verhalten, mit halbem Herzen mitsummen.

Und doch weichen die Bibeltexte und Lieder vor unserem Schmerz und unserer Trauer nicht zurück, wie Menschen es aus Unsicherheit oft tun. Die Bibeltexte und Lieder zum Ewigkeitssonntag versuchen unverdrossen, uns Trost und Hoffnung zu geben –  indem sie uns eine ungeheuer weite Perspektive eröffnen, die weit über das hinausreicht, was wir heute vor Augen haben.

Wo wir oft genug müde abwinken, vielleicht auch unsere Ruhe haben wollen – da laden uns die Lieder unverdrossen ein, wenigstens mit-zu-summen. Denn je öfter wir das versuchen, desto vertrauter werden sie uns; je öfter wir sie summen und vielleicht irgendwann auch singen, desto mehr werden wir entdecken und verstehen, desto mehr werden wir glauben können an das Wunder der Auferstehung.

Und wenn es gut geht, werden wir das Sterben nicht nur als Verlust, sondern auch als Gewinn begreifen, so wie es in einem bekannten Lied heißt:
„Christus, der ist mein Leben, sterben ist mein Gewinn…“

Denn unser Leben, Lieben und Leiden auf dieser Erde ist noch lange nicht alles, sagt unser Glaube! Durch das Sterben hindurch gelangen wir endlich noch näher zu Jesus, unserem Herrn und Erlöser und werden endlich in Vollkommenheit leben, ohne Schmerz, in der Auferstehung – so wie Jesus auferstanden ist und ganz nah bei und in Gott lebt.

Ja, mit dem Verstand ist das alles schwer zu begreifen; und auch unsere Gefühle können ganz schön schwer und widersprüchlich sein… Auch Anklage und Zorn gegenüber Gott spielen vielleicht bei manchem noch mit rein: „Wie konnte Gott mir diesen geliebten Menschen nur aus der Hand reißen, zu sich rufen…?“

Doch wir sollen mit unserem Schmerz nicht allein bleiben – durch die Bibeltexte und Lieder hindurch sollen wir Gottes Trost für uns hören; im Hören und Beten, aber gerade auch im Singen sollen wir Gottes Nähe spüren, dass er immer bei uns bleibt – in jeder Lebenslage und darüber hinaus.

Solche Visionen sollen uns, liebe Gemeinde, die Angst vor dem Sterben nehmen – aber es soll uns auch trösten, wenn wir einen so wichtigen Menschen verloren haben: Unsere Verstorbene, unser Verstorbener hat es jetzt gut bei Gott; wir müssen uns keine Sorgen mehr machen.

Ja, der Ewigkeitssonntag ist durchaus ein wenig wie das Pfeifen im Walde – doch es hat seine volle Berechtigung, denn auch der finsterste Wald wird enden und wir werden wieder die helle Sonne sehen.

Singen hilft! Singen lässt unsere Seele heraustreten, lässt sie wieder freier schwingen. Singen hilft der Seele, sich in die Melodie von Gottes Herrlichkeit ein-zu-schwingen.
Singen schafft Verbindung zwischen Himmel und Erde, schafft Gemeinschaft zwischen den Menschen auf dieser Erde und den Menschen in der Vollendung, lebendige Gemeinschaft mit allen Heiligen und Engeln, die da oben im Chor „Halleluja“ singen:

„Gelobt sei Gott, dessen Liebe stärker ist als der Tod!“

Pfarrer Martin Schuler

2020-11-15

SCHAUansFENSTER

Wenn ich abends spazieren gehe, ertappe ich mich immer wieder dabei: Ich schaue gerne durch erleuchtete Fenster.
Das passiert ganz automatisch. Fenster haben auf mich eine anziehende Wirkung. Sie markieren die Grenze zwischen Innen und Außen, zwischen öffentlichem Raum und privatem Bereich. Im Gegensatz zu den meisten Türen aber, die ebenfalls eine solche Grenze darstellen, lassen Fenster die Sicht frei für neugierige Blicke.
So habe ich bei meinen Spaziergängen bereits unvermutet eine Turnhalle entdeckt, neue Büroräume in der Innenstadt erkundet und eine Katze beim Ballspielen in einem Wohnzimmer beobachtet.

Wem es ebenso geht wie mir, muss sich aber nicht gleich schämen. Denn Fenster haben auch die Funktion der Kommunikation und des Kontakts zur Außenwelt. So gestalten viele Läden, Büros und Privatleute ihre Fenster ganz bewusst und laden damit andere zum Hingucken ein. In der Adventszeit ist das ganz besonders der Fall. Lichterketten, goldene Sterne und Engelgirlanden schmücken die Fenster und ziehen die Blicke der Vorbeigehenden bei Tag und Nacht an.

Auch die Evangelische Erlöserkirche wird zum ersten Advent die Fenster ihres großen Gemeindesaals am Leonrodplatz schmücken: Mit weihnachtliche Verheißungen und Heilsworten aus der Bibel, mit Strophen aus Advents- und Weihnachtsliedern und mit anderen in diese Kirchenzeit passenden Texten. Mit der Aktion SCHAUansFENSTER ruft die Erlöserkirche auch andere Menschen aus Eichstätt und Umgebung auf – Privatleute, Schulen, Kindergärten, Geschäftsleute, Gastronomen und andere –, es ihnen gleichzutun.

Denn gerade im bevorstehenden Corona-Advent, in dem viele Türen verschlossen bleiben und gesellige Adventsfeiern, -konzerte, -märkte und vieles mehr nicht wie gewohnt stattfinden wird, können solche Schaufenster zu Kontaktflächen werden.

Sie können die Adventszeit sichtbar machen in den Häusern und auf den Straßen mit dem, was ihren Kern ausmacht: Mit ihrem Hoffen („Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.“ Jes 9,1), mit ihrem Trost („Seht, die gute Zeit ist nah“ EG 18), und mit ihrer Freude („Du, Tochter Zion, freue Dich sehr, und Du Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, Dein König kommt zu Dir, ein Gerechter und ein Helfer.“ Sach 9,9).
So lassen sich Hoffnung, Trost und Freude in dieser turbulenten Zeit teilen. So kann ein Zeichen der Verbundenheit inmitten einer Zeit der Trennung gesetzt werden.

„SCHAU ans FENSTER!“, empfehle ich Ihnen für die Adventszeit, ganz ungeniert und neugierig, auf dem Weg zur Arbeit, zum Einkaufen oder beim Abendspaziergang.  

Pfarrerin Edina Hilmes

Wer Lust hat mitzumachen:
Ab dem 26. November liegen kalligraphierte / handgeletterte Textvorlagen und wasserlösliche Stifte zur „Ausleihe-to-go“ in der Erlöserkirche, vorderste Bankreihe, bereit. Wer sein Fenster gestaltet bekommen möchte, melden sich im Pfarramt (08421 4416).

2020-10-31

Jesus, ein Revoluzzer…?

„Jesus verkündet Lockerungen beim Feiertagsgebot“ ­– so möchte man die Episode spontan betiteln: Die Jünger Jesu rupfen beim Durchqueren eines reifen Kornfeldes ein paar Ähren für den kleinen Hunger zwischendurch; und ein paar Zeitgenossen werfen den Jüngern sogleich vor, dass sie damit das Ruhegebot am siebten Tag der Woche gebrochen hätten. Jesus hält diesen Vorwurf für völlig übertrieben: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht – und nicht der Mensch um des Sabbats willen“ (Markus-Evangelium 2,23-27). Damit will Jesus wohl sagen: Was ist der ursprüngliche Sinn vom siebten Tag der Woche? Ausruhen und Erholung nach sechs harten Arbeitstagen, klar. Aber doch nicht in Leichenstarre und Friedhofsruhe, die alles verbietet. Das Sabbatgebot hat dienende Funktion, zur Bewahrung und zum Schutz des Lebens.

Erscheint uns sympathisch und lebensnah, dieser Jesus, wie er gegen übereifrige, buchstabentreue Autoritäten trotzig für Freiheit eintritt; fast wie der Reformator Martin Luther, der die Kirche damals von überflüssigem Ballast reinigen wollte. Jesus und Luther – die liberalen Revoluzzer?

Doch Stopp! Der aufmerksame Bibelleser weiß: Andere Gebote verschärft Jesus sogar, zum Beispiel das 5. Gebot: Nicht erst, wer jemanden tötet, macht sich des Gerichts schuldig; sondern schon, wer mit seinen Mitmenschen „zürnt“, sie „Nichtsnutz“ oder „Narr“ nennt, wird schuldig (Matthäus-Evangelium 5,21-22). Bereits der Gedanke, bereits das Wort gebiert Unheil.

Wie passt das nun zusammen – das Lockern einerseits und das Verschärfen andererseits? Die gemeinsame Linie dahinter ist, dass alle Gebote dem Schutz des Lebens und ganz besonders auch der Bewahrung der Gemeinschaft (!) dienen sollen – aus der Erkenntnis heraus: Der einzelne kann nur in der Gemeinschaft über-leben.

Genau darum hat das Gottesvolk Israel nach der Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei die 10 Gebote bekommen, damit sich ihre dunkelsten Erfahrungen niemals wiederholen: Nicht Ausbeutung, Unterdrückung und Willkür sollten herrschen, sondern eine Art früher Rechtstaat sollte die neu gewonnene Freiheit, das Leben und die Gemeinschaft des Gottesvolkes schützen. In dieser uralten jüdischen Tradition sieht sich auch Jesus, wenn er einerseits an der unauflösbaren Grundsätzlichkeit der 10 Gebote festhält, andererseits aber an den Ausführungsbestimmungen feilt – anhand der Leitfrage: Was dient dem Leben?

Ja, manchmal folgen daraus Lockerungen, manchmal aber auch Verschärfungen. Nicht obrigkeitshörigen Gehorsam oder realitätsblinden Egoismus, sondern immer wieder nüchternes Prüfen und Abwägen, dann aber auch innerlich überzeugtes und freiwilliges Bejahen guter Regeln – das können wir bis heute von Jesus lernen. Es geht immer darum, den guten Sinn hinter allen Regeln zu verwirklichen: Die Bewahrung des Lebens in einer guten und solidarischen Gemeinschaft, im Geist der göttlichen Liebe. Solches Bemühen wünsche ich uns allen, quer durch alle Konfessionen, Religionen und Geisteshaltungen.

Pfarrer Martin Schuler