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Impuls 2024-07-07

Vielfalt statt Einfalt – für jeden Geschmack

Fruchtig duftet es, als ich die Sakristei der Erlöserkirche betrete, um mich auf den Gottesdienst einzustimmen. Auf dem Tisch, wo sonst Brot und Wein vorbereitet werden, entdecke ich frisch geschnittene Orangen, Zitronen, Limetten und Bananen. Ach ja! Nachher auf dem Gemeindefest wird die Jugend den durstigen Besuchern alkoholfreie Cocktails durch die Sakristei-Türe reichen. Die Geschmäcker sind freilich verschieden! Darum muss man verschiedenste Mixturen anbieten. Es lebe die Vielfalt!

Das gilt auch für die Kirche, denke ich. Nicht erst seit der großen Kirchenspaltung im Jahr 1054 oder Luthers Reformation 1517, sondern schon in der Bibel wird das Evangelium in unterschiedlichen Geschmacksrichtungen (Markus, Matthäus, Lukas und Johannes) angeboten. Unterschiedliche Empfänger (Juden- und Heidenchristen) haben schon damals vielfältige Mixturen der Guten Nachricht mit unterschiedlichen Akzenten erfordert, um den geistlichen Durst möglichst vieler Menschen zu stillen. Alle Versuche, die vier Evangelien zu einem einzigen zu „harmonisieren“, sind gottseidank schiefgegangen; da ist nur grau-braune Einheitsbrühe herausgekommen, die keinem richtig geschmeckt hat. Es lebe die Vielfalt!

Das Loblied auf die Vielfalt gründet aber noch tiefer: Vielfalt als bestimmendes Prinzip finden wir aus gutem Grund schon in der Schöpfung. Die Vielfalt der Arten sichert das Überleben. Wirklich „ein-fältig“ im ursprünglichen Wortsinn ist nur Gott. Zugleich hat er beschlossen, sich den Christen „drei-faltig“ als Vater, Sohn und Heiliger Geist zu offenbaren. Die göttliche Liebe „ent-faltet“ sich, damit wir sie besser in uns aufnehmen können. Vielfalt statt Einfalt auch hier!

Manchmal überfordert die Vielfalt aber auch. Nicht ohne Grund formuliert der Epheserbrief (Kap. 4,1-7) als Patentrezept für uns Christen damals wie heute, dass wir unsere äußere Verschiedenheit „in Liebe“ und mit Sanftmut und Geduld „ertragen“ sollen und uns zugleich auf die innere „Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens“ besinnen. Für diese Einigkeit reichen drei Zutaten: „ein Herr, ein Glaube, eine Taufe“. Mehr braucht’s nicht.

In diesem Sinne herzliche Einladung: „Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten“, sagt Jesus (Johannes 4,14). Das Evangelium Jesu ist das geistliche Urgetränk zum Leben, das uns bis heute in unterschiedlichsten Mixturen und Interpretationen angeboten wird. In jeder Kirche, für jeden Geschmack. Vielfalt statt Einfalt, Gott erhalt’s! Zum Wohl.

Pfarrer Martin Schuler