2020-07-05

Gottesdienst im Alltag
Gedanken zum 4. Sonntag nach Trinitatis

I.
Wie wollen und wie können wir Gottesdienst feiern?
Diese Frage findet in Corona-Zeiten ganz unterschiedliche Antworten: Gottesdienste im Internet, im Fernsehen oder im Radio. Gottesdienste im Freien. Gottesdienste „in echt“, aber mit besonderen Schutz­maßnahmen.

Wie wollen und wie können wir Gottesdienst feiern?
Diese Frage ist wahrscheinlich so alt wie das Christentum selbst.
Im Predigttext für den heutigen Sonntag – einem Abschnitt aus dem Römerbrief des Apostels Paulus – geht es um eine besondere Art des Gottesdienstes, die von Anfang an zum christlichen Glauben dazugehörte, nämlich: der Gottesdienst im Alltag. Dieser Gottesdienst geschieht jenseits von Kirchenmauern und unab­hängig von Gottesdienstzeiten. Er geschieht eben im Alltag der Menschen, im zwischenmenschlichen Umgang und Miteinander.
Über den Gottesdienst im Alltag schreibt Paulus im Römerbrief (Röm 12,17-21):
„Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist’s möglich, soviel an Euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Rächt Euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5. Mose 32.35): ‚Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr‘ Vielmehr, ‚wenn Deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn Du das tust, so wirst Du feurige Kohlen aus deine Haupt sammeln‘ (Sprüche 25,21-22). Lass Dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“

II.
Wie wollen und wie können wir Gottesdienst feiern?
Im Blick auf den Gottesdienst im Alltag beschreibt Paulus im eben gehörten Predigttext verschiedene Grundhaltungen für unseren Umgang und unser Miteinander.

Eine dieser Grundhaltungen lautet: „Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann [/ *frau].“
Paulus sieht Christinnen und Christen offenbar in einer umfassenden Verantwortung für alle Menschen – seien sie nah oder fern, seien sie vertraut oder fremd. Dieser universale Anspruch ist faszinierend und herausfordernd und abschreck­end zugleich. Wo und wie fängt man das an?
Ich musste bei dem Satz „Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann“ an eine Übung denken, die ich vor einiger Zeit auf einer Fortbildung mitgemacht habe. Es ging in dieser Übung darum, ein Gespür dafür zu entwickeln, wie schnell man Menschen auf bestimmte Eigenschaften festlegt und sie aus der jeweiligen Schublade dann auch kaum noch herauskommen lässt. Aussagen mit dem Wörtchen „ist“ sind zum Beispiel sehr einengend und insofern gefährlich. Denn sie zwängen die so beschriebene Person geradezu ein. Ein Beispiel: „Fritz ist der größte Störenfried der Schule.“ Dass Fritz zuhause sich vielleicht auch als liebe­voller großer Bruder zeigt, geht darüber vollkommen unter.
„Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann“: Ein Anfang dazu kann also vielleicht sein, mit Festlegungen vorsichtig(er) / zurückhaltender zu sein und sich bewusst zu machen, dass das jeweilige Gegenüber immer mehr Eigen­schaften hat als die, die er oder sie gerade zeigt.

III.
Eine andere Grundhaltung für den Gottesdienst im Alltag: „Lass Dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“

Was gut und was böse ist, das ist im Märchen oder bei Harry Potter oft sehr klar und leicht zu unterscheiden. Im „normalen“ Leben ist das dagegen oft alles andere als einfach. Immer wieder ähnelt unser Alltag einer „Grauzone“, in der Gut und Böse weniger deutlich getrennt sind. Mehr noch: Immer wieder steht das Gute in Gefahr, vom Bösen „infiziert“ und verwandelt zu werden.
In der großen Rassismus-Diskussion der letzten Wochen berichtete eine Frau – sie selbst Tochter einer Deutschen und eines Afro-Amerikaners – von der Erziehung ihrer beiden mittlerweile erwachsenen Söhne. Der Frau war es immer ein großes Anliegen gewesen, Selbstbewusstsein und Offenheit ihrer Söhne zu stärken. Außerdem wollte sie ihre Söhne dazu befähigen, zwischen Menschen und ihren Aussagen unterscheiden zu können. Das hieß in ihrem Fall: Ihre Söhne sollten lernen, rassistischen Äußerungen und Anfeindungen deutlich zu widersprechen, ohne dabei jedoch die Menschen, die derlei vorbrachten, in ähnlicher Weise abzuwerten oder gering zu achten. Oder anders gesagt: Die Frau wollte verhindern, dass ihre Söhne „vom Bösen überwunden werden“.
Dass der Grat zwischen Gut und Böse oft sehr schmal ist, war [natürlich] auch schon Paulus bewusst. Im Zweifelsfall – um nicht vom Bösen überwunden zu werden – empfiehlt Paulus Zurückhaltung und Selbstbeherrschung. Und er erinnert daran, dass Christinnen und Christen ihr Tun vor Gott zu verantworten haben. In den Worten des Predigttextes: „Rächt Euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes“.

IV.
Wie wollen und wie können wir Gottesdienst im Alltag feiern?

„Ist’s möglich, soviel an Euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.“
Diese dritte Grundhaltung, die Paulus vorführt, enthält zweierlei: Zagen und Zuversicht. Sie beginnt, pragmatisch-realistisch, mit der Einsicht, dass unsere menschlichen Möglichkeiten begrenzt sind. Und sie endet mit der Hoffnung auf Frieden zwischen allen Menschen.

Frieden ist nichts, was sich um Handumdrehen herstellen ließen. Weder im Kleinen noch im Großen. Für Frieden braucht es das Zusammenspiel vieler. Zugleich ist der Beitrag und das Zutun jedes*r Einzelnen notwendig und wichtig. Sonst geht es nicht.
Frieden – das ist ein großes Ziel für unseren Gottesdienst im Alltag. Aber auch eine wunderbare Verheißung.


Pfarrer Christoph Hilmes