2020-07-19

Einfach da sein

Dem Mann, von dem ich jetzt schreibe, bin ich persönlich nie begegnet. Ich habe nur ein paar Zeilen über ihn gelesen, im Blog eines Pfarrers vom Bodensee. Doch diese paar Zeilen hatten es in sich. Als der Pfarrer von dem besagten Mann schreibt, ist dieser bereits verstorben, und der Pfarrer hat ihn vor kurzem beerdigt. Der Pfarrer beschreibt den Verstorbenen als einen „außerordentlich feinen, von einer inneren Frömmigkeit ergriffenen [und] mit einem einfühlsamen Herzen ausgestatteten Mann“. Man erfährt indessen nicht, auf welche Art der Mann sein Leben zugebracht hat – welchem Beruf er etwa nachgegangen ist, ob er Familie gehabt hat oder ob er alt geworden ist. Aber man erfährt, dass der Mann gegen Ende seines Lebens einen großen Kummer hatte: Es bedrückte ihn, nur einfach so sein Leben gelebt und nicht wirklich etwas Großes geleistet zu haben. Einen Satz, den dieser Mann wohl des Öfteren sagte, hat der Pfarrer notiert. Der Satz lautet: „Es ist schade, nur ‚einfach so‘ hiergewesen [sic!] zu sein“. Mir sind diese Worte lange nachgegangen. Ich fand den Tonfall bedrückend. Obwohl ich nichts über dieses Leben wusste, war ich traurig. Denn ich hatte den Eindruck, dass hier einer sein Leben in übertriebener Weise abwertet.

Zu einer Frau, der ich tatsächlich begegnet bin: Diese Frau und jener Mann kennen einander nicht. Trotzdem bilden sie für mich eine Art Paar. Eines Tages hat die Frau – ich weiß nicht mehr, bei welcher Gelegenheit – davon erzählt, wie sie jeden Morgen aufsteht. Und das geht so: Nach dem Aufwachen verbringt die Frau noch ein paar stille Minuten auf der Bettkante. Sie will einfach nur im Moment sein. Sie will spüren, dass sie da ist. Zu diesen Minuten gehört für die Frau auch ein Gebet. In diesem Gebet dankt sie Gott für den neuen Tag, der vor ihr liegt und den sie als Geschenk annehmen möchte. Erst dann steht sie wirklich auf, wirft einen ersten Blick aus dem Fenster und geht ins Bad. Für diese morgendlichen Momente auf der Bettkante hatte die Frau eine ganze eigene Beschreibung: Sie sagte, sie vergewissere sich der Bühne, auf der ihr Leben spielt.

„Es ist schade, nur ‚einfach so‘ hier gewesen zu sein“. Ich weiß nicht, was den eingangs erwähnten Mann zu dieser Einschätzung gebracht hat. Ich möchte auch keine Mutmaßungen über etwaige Gründe anstellen. Ich glaube aber, dass man sehr leicht in solch eine selbstabwertende Haltung hineinrutschen kann und dass es umso schwerer ist, sich von dieser wieder zu lösen.
„Es ist schön, nur ‚einfach so‘ hier gewesen zu sein“. So könnte vielleicht die Frau sprechen, wenn sie am Abend auf den Tag zurückblickt, der für sie nicht nur eine Aufgabe war, sondern vor allem ein Geschenk Gottes.
Einfach da sein und sich darüber freuen können – das wünsche ich uns allen.


Der Blog des Kollegen findet sich im Internet unter: https://tagebucheineslandpfarrers.wordpress.com (Beiträge bis Januar 2018 abrufbar).


Pfarrer Christoph Hilmes