2020-07-12

Gedanken zum Sonntag 12. Juli 2020



Fahre hinaus,
wo es tief ist…

Lukas  5,1-11

Geht nicht (mehr)   Zu spät!   Bringt nichts (mehr)
Wie gerne sagen wir das, wenn jemand etwas Kühnes, etwas Un-erhörtes, noch-nie-Gehörtes von uns zu tun verlangt: etwas, das auch auf den zweiten Blick aller Erfahrung wider-spricht…

Geht nicht (mehr)  Zu spät!   Bringt nichts (mehr)
So haben viele gesagt, wenn Klimaforscher die radikale Um-kehr und Ab-kehr vom Öl gefordert haben: den Verzicht auf immer größeres Wachstum, den Verzicht auf Plastik, den Verzicht auf die gewohnte Mobilität, den Verzicht auf den liebgewonnenen Urlaubsflug…

Geht nicht (mehr)  Zu spät!  Bringt nichts (mehr)
Warum soll ich verzichten, wenn der Rest der Welt gerade erst anfängt mit unserem westlichen Lebensstil? Das Klima ist eh nicht mehr zu retten! So eine Aus-fahrt ins radikal Blaue, ins völlig Un-bekannte bringt uns doch an den Rand des wirtschaftlichen Kollaps, gefährdet den gesellschaftlichen Frieden, mutet uns Un-zumutbares zu…

Haben wir gesagt.

Und dann kam Corona.

Und mutet uns seitdem das (angeblich) Un-zumutbare zu…
Und auf einmal ging und geht einiges,
von dem wir jahre- und jahrzehntelang felsen-fest behauptet haben:
Geht nicht (mehr)  Zu spät!  Bringt nichts (mehr)

Auf einmal deutlich weniger CO 2-Austoß!

Weil praktisch alle Flieger am Boden blieben,
eigentlich über-flüssige Geschäfts- und Vergnügungsreisen (nach Mallorca für 20 Euro…) abgesagt wurden, erzwungenermaßen.

Auf einmal war die Luft sauberer, der Himmel blauer, das tägliche Verkehrschaos, der Lärm, der Gestank der Autos und Busse in Eichstätt verschwunden, dörfliche Idylle auf allen Straßen, für ein paar Wochen wenigstens…

Und man konnte feststellen: Eigentlich auch mal recht schön, eigentlich idyllisch, als Fußgänger soviel Platz in der Stadt zu haben, den Wind und die Vögel zu hören, die Stille und Ruhe zu genießen… Menschlichere Stadt!

Ja, und auf einmal war da auch kein Freizeit-Stress mehr, wohin heute, wohin morgen? was kaufe ich mir heute, was ich eigentlich gar nicht brauche? Sondern auf einmal tauchte bei vielen auch die Frage auf:

Wieviel und was brauche ich wirklich zum Leben? Immer nur Geld verdienen und ausgeben – oder solidarische Rücksichtnahme und Nachbarschaftshilfe in Notzeiten, gute Gespräche jenseits des Alltagsstress? Vielleicht gibt es ja doch eine realistische Alternative zu unserer über-takteten und über-hitzen Lebensweise?

Natürlich brachte und bringt Corona auch un-zumutbare Zumutung, die viele Menschen an den Rand ihrer Existenz bringt: wirtschaftlich, sozial, psychisch, familiär… Für all jene ist es nicht so sehr Chance, sondern Stress pur und drohender Abgrund… stimmt.

Auf-bruch ist immer auch Ab-bruch der Zelte!

Und doch schimmert in allem der Verdacht durch:
Vielleicht geht es ja doch anders besser, nämlich ent-schleunigter, nach-haltiger, solidarischer? Vielleicht ist das bislang Un-denkbare doch nicht so absurd und un-möglich? Vielleicht ist ja das, was wir bislang für „Normal“ hielten, das Un-normale??? Verdrehte Welt…


Fahre hinaus, wo es tief ist –
wo es un-gewiss und un-bekannt ist!
Fahre hinaus – dorthin, wo du keine Er-fahrung hast – und wage Neues!

Und du wirst un-erwarteten und un-gewohnten Segen finden,
echte Fülle – die über alle deine (negativen) Erwartungen und Sorgen und Ängste und Befürchtungen hinaus-führt.


Fahre hinaus, wo es tief ist – sagt Jesus damals zu Simon Petrus,
dem erfahrenen Fischer – hören wir im Lukas-Evangelium 5,1-11.

Fahre hinaus, wo es tief ist – zur un-gewohnten Zeit, am hellichten Mittag, wo du keinen Fang mehr erwartest.

Mit meiner Hilfe, mit meinem Beistand wirst du reichen Fang machen – wenn du deine Zweifel überwinden kannst, wenn du es wagst, wenn du dich traust, die bisherigen Sicherheiten, das bekannte, sichere Ufer hinter dir zu lassen.

Ja, der erfahrene Simon Petrus winkt zunächst ab;
doch dann fasst er Vertrauen in Jesus; irgendwas an dem unbekannten Jesus gibt ihm Vertrauen; und so bricht er auf, ins Ungewisse:
Auf dein Wort hin… will ich los-fahren, ins Ungewisse.


Und was sagen wir?

Corona hat uns gezwungen, quasi über Nacht viele bekannte Häfen zu verlassen, zu flüchten, ins Ungewisse zu rudern und zu segeln…

Corona droht uns mit Krankheit, Sterben, Zerfall der Strukturen…

Und doch ging plötzlich so vieles – wenigstens vorüber-gehend!

In aller Bedrohung träumte ich: Vielleicht wird die Welt nun eine bessere, vernünftigere, mit mehr Zusammenhalt und Rettung des Klimas…???
Corona hat uns bei aller Bedrohung auch gelehrt:
Hoffnung ist möglich! Radikaler Aufbruch ist möglich und bringt auch unerwarteten Segen!

Wie ist das bei Jesus?

Zwingt er uns auch so? Wirft er uns auch so ins kalte Wasser?

Ich glaube, der große Unterschied ist: Jesus zwingt (meistens?) nicht, sondern lädt ein, ermutigt uns, über-kommene, über-holte Wege zu ver-lassen und neue, bislang un-bekannte Wege zu suchen.
Weil er der Überzeugung ist: Dort ist immer wieder Segen zu finden, im Auf-bruch.

Und ganz wichtig: Jesus lässt uns (meistens?) nicht allein in unserem Lebensschifflein auf bedrohlich tiefen und stürmischen Wassern, sondern ist mit uns an Bord und bringt den Sturm schließlich zum Schweigen – zeigt die Geschichte von der Sturmstillung (Markus 4,35-40).

Entdecke die Möglichkeiten!
Das ist keine Erfindung eines schwedischen Möbelherstellers, sondern die ur-alte und ewig-wahre Ermutigung eines galiläischen Lebe-mannes im wahrsten Sinne des Wortes.

Im Vertrauen auf Jesus werden wir überall Leben finden;
er ruft uns heraus (aus Enge, Bedrohung und Irrwegen)
und führt uns ins Weite, zu neuen Möglichkeiten!


Corona hat uns schmerzhaft gelehrt, dass vieles eben doch möglich ist…

So müsste es doch erst recht möglich sein, dem verheißungs-vollen
Ruf Jesu zu folgen, seinem Wort zu vertrauen:

Fahre hinaus, wo es tief ist – und entdecke die Möglichkeiten
(Gottes und der Menschen) – unter Gottes hoffnungs-blauem Himmel!


Pfarrer Martin Schuler