2020-05-24

Sonntag “Exaudi” am 24. Mai

„Hat Jesus uns verlassen?“ So höre ich die Jünger damals fragen, 40 Tage nach der Auferstehung, als Jesus in einer Wolke verschwindet und gen Himmel fährt (Apg 1,4-11). „Hat Jesus uns verlassen?“ So fragt sich wohl auch mancher von uns heute, am Sonntag zwischen Himmelfahrt und Pfingsten, im Corona-Jahr 2020.

Ja, wir können Jesus seit Himmelfahrt nicht mehr sehen, das ist wahr. Wir schauen in den Himmel – und sehen erst einmal nur Leere. Was sich oft genug in unser Blickfeld schiebt, ist das Elend und das Unrecht dieser Welt, aber auch Krankheit, Scheitern und Versagen in unserem eigenen Umfeld. Kein Wunder, wenn man sich da allein gelassen fühlt.

Doch Jesus lässt uns nicht allein zurück, hält das Evangelium dagegen. Jesus verheißt uns Menschen bereits damals, einen anderen Beistand, nämlich den (Heiligen) Geist zu schicken – damit ER allezeit bei uns sei, uns tröste und stärke und zur Erkenntnis der Wahrheit führe (Joh 14,16-18). Unsichtbar, aber doch gegenwärtig und auf geheimnisvolle Weise wirksam soll der Geist Gottes in unser Herz einziehen, unser Fühlen, Denken und Handeln von innen her verwandeln – auf dass auch in unseren Herzen ein Widerschein des hellen Lichts der Auferstehung entzündet werde (2. Kor 4,6).

Was ist das für ein Geist? Es ist kein flüchtiger Zeit-Geist, der im Moment völlig überzeugend daherkommt, aber nach kurzer Zeit wieder überholt ist.

Es ist kein schreiender Un-geist des Immer-Recht-Habens, des Hasses und der Gewalt; aber auch kein übermächtiger Un-geist der Angst, der unser Handeln lähmt. Sondern Gott will uns an seinem schöpferischen, liebevollen, versöhnenden und geduldigen Geist teilhaben lassen, mit dem er damals schon Himmel und Erde und das Leben darin geschaffen hat (Gen 1,1-3) und mit dem er auch Jesus von den Toten auferweckt hat, zu einem neuen Leben.

Es ist ein kraftvoller Geist der Liebe und der Besonnenheit (2. Tim 1,7), der gute Gemeinschaft und Frieden und Verständigung schafft zwischen Menschen unterschiedlichster Herkunft, der Mut und Zuversicht fürs eigene Leben schenkt, aber auch Rücksichtnahme und Anteilnahme für unsere Mitmenschen. (Apg 2,1-11 + 38-47) Genau das, was wir quer durch alle Zeiten am meisten brauchen.

Wir sind also nicht verlassen, wenn wir auf Gottes Geist warten und ihn erbitten. Jesus begleitet uns im Geist auch weiterhin, im Himmel ­und auf Erden. Ja vielmehr noch: Im Geist zieht Jesus selber in unser Herz ein und schenkt uns Menschen auch untereinander gute Gemeinschaft, so dass wir uns besser verstehen und gerade auch die schwierigen Zeiten besser durchstehen können ­- mit dem Geist der Vernunft, Solidarität, Geduld, Zuversicht und Besonnenheit.

Um diesen Geist lasst uns beten, dass ER unserer Schwachheit aufhelfe (Röm 8,26)!

Pfarrer Martin Schuler





Kein Wunder, wenn man sich da allein gelassen fühlt; allein auf weiter Flur, wie auf dem Bild