2020-05-10

„Am ersten Sonntag nach dem Weltuntergang …“ Gedanken zum Sonntag Kantate (10.05.2020)

„Und ich geh‘ noch einmal den Kurfürstendamm entlang / Am ersten Sonntag nach dem Weltuntergang“, heißt es in einem Lied der Band Element of Crime auf ihrem Album Schafe, Monster und Mäuse (2018). Der Mann, von dem dieses Lied erzählt, betrauert das Ende einer Liebe. Beim Flanieren raucht er eine Zigarre, steckt das Bild seiner Verflossenen damit in Brand, tigert weiter durch Berlin.

Zugegeben: Alles ein wenig melodramatisch. Aber ein „Morgen danach“ hat ja auch immer etwas Zwiespältiges. Etwas Altes ist noch nicht richtig vergangen – etwas Neues klopft an, muss sich aber erst noch einstellen und entfalten. Der heutige Samstag, 75 Jahre zurückgedreht, markiert einen besonderen „Morgen danach“. Denn der 9. Mai 1945 war der erste Tag, an dem die Menschen in Europa nach fast sechs Jahren Krieg in einem werdenden Frieden aufwachten (in Ostasien dauerte der Krieg dagegen noch einige Monate an). Mit den Lockerungen der Anti-Corona-Maßnahmen erleben aber auch wir derzeit immer wieder einen „Morgen danach“. In diesen Tagen läuft das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben langsam wieder an. Und dazu gehört auch, dass in den Kirchen am morgigen Sonntag – nach sieben Wochen – wieder Gottesdienste gefeiert werden kann.
Auch hier gilt: Neues klopft an, muss sich aber erst noch einstellen und entfalten. Der morgige Sonntag – es ist der vierte nach Ostern – trägt in der evangelischen Kirche den Namen Kantate, zu Deutsch „Singt!“. Seinen Namen verdankt dieser Sonntag einem Vers aus Psalm 98, wo es heißt: „Singt dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder.“ (Ps 98,1). Gottesdienste an diesem Sonntag sind normalerweise voller Musik. Das heißt: Chöre, Posaunen und anderes mehr. Wegen der Hygiene-Bestimmungen für Gottesdienste wird es all das jedoch morgen nicht geben. Das ist ungewohnt, für manche vielleicht sogar traurig. Trotzdem passt die Aufforderung aus Psalm 98 – „Singt dem Herrn ein neues Lied“ –, die der morgige Sonntag im Namen trägt, gut in diese besondere Zeit, finde ich. Denn nicht nur in der Kirche, sondern nahezu überall in unserer Gesellschaft geht es in diesen Tagen darum, neue Lieder anzustimmen bzw. neue Vorgehensweisen zu finden und zu erproben.

„Und ich geh‘ noch einmal den Kurfürstendamm entlang / Am ersten Sonntag nach dem Weltuntergang“, singen Element of Crime. Das Osterfest vor vier Wochen ist – in meinen Augen – so ein Sonntag nach dem Weltuntergang. Und es ist ein Versprechen, dass Krankheit, Krieg und Tod nicht das Ende sind. Mit Ostern im Rücken lässt sich getrost ein neues Lied anstimmen – auch wenn man die Töne dafür vielleicht noch suchen muss.

PS: Das Lied „Am ersten Sonntag nach dem Weltuntergang“ der Band Element of Crime findet sich auch auf Youtube.


Pfarrer
Christoph Hilmes