2020-04-19

1. Sonntag nach Ostern – Quasimodogeniti

Jeden Abend beteilige ich mich mit meiner Posaune am Musikflashmob und spiele ein paar Melodien. Einige Nachbarn hören sichtbar oder hörbar zu. Manches Fenster steht offen. Vielleicht gibt diese Musik manchem einen Impuls, ein paar Minuten zur Ruhe zu kommen in dieser unruhigen, unsicheren Zeit.
Jetzt erleben wir, wie zerbrechlich unsere Gesundheitssysteme sind, wie zerbrechlich die Weltgemeinschaft, wie zerbrechlich unser wirtschaftliches Miteinander. Ein neuartiges Virus bringt alles zum Stillstand. Und wir stöhnen unter den Beschränkungen. Wir sehnen uns nach neuer Normalität im Alltag. Wir sehnen uns nach einem Ende der Krise. Wir sehnen uns nach einem neuen, ungezwungenen Miteinander. Wir sehnen uns nach Erlösung.

Die Diskussion wird lauter darüber, wie die Welt nach der Krise aussehen wird, wie der Wiederaufbau zu gestalten ist. Die EU-Kommission betont, dass wir aus der Erfahrung der Verletzlichkeit lernen müssen – gerade mit Blick auf die Klimakrise, die keineswegs bewältigt ist. Sie setzt darauf, den European Green Deal und die Unterstützung für die Wirtschaft nach der Krise eng miteinander zu verzahnen. Doch es ist keineswegs ausgemacht, ob sich dieses Denken durchsetzen wird. Aber vielleicht hilft es, wenn wir uns und andere daran erinnern, dass unser Erdsystem und unser gesellschaftliches System in gar nicht so verschiedener Weise beide zutiefst verletzlich sind.

Wie haben Sie diese Zeit bisher überstanden? Hatten Sie die Möglichkeit, aus dem Alltagstrott auszusteigen und Ihr Leben zu reflektieren? Was ist wirklich wichtig, was ist verzichtbar?
Ist ein Umdenken passiert, wollen Sie einen Neuanfang, wollen Sie sich umorientieren? Wird uns in unserem kommenden Alltag der richtige Neubeginn gelingen?
Der Sonntag nach Ostern ist der Sonntag des Neubeginns. An diesem Tag wurden in der Alten Kirche die neuen Gemeindemitglieder getauft – für sie begann damit eine neue Zeit, ein neues Leben.
In den vergangenen Tagen habe ich jeden Tag am Abend ein paar Abendlieder von meiner Terrasse aus gespielt. Neben der Europahymne Hinunter ist der Sonne Schein, Abend wird es wieder oder Wer nur den lieben Gott lässt walten. Für mich am wichtigsten ist der Choral Herr, bleibe bei uns. Mit allem was, wir tun: Möge der Herr bei uns sein, vor allem jetzt in dieser kritischen Zeit, wo wir sehen, wie fragil unser Dasein ist. Er möge den Medizinern die richtigen Ideen für Antimittel geben, den Politikern das richtige Händchen für die notwendigen Entscheidungen und uns allen, den Pflegern, den Helfern, die Kraft und die Ausdauer durchzuhalten und in der Not füreinander da zu sein.
Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag und eine gute Zukunft!

Dr. Gerd-Otto Eckstein Lektor / Prädikant i.A.