2020-04-04

„Hallo!?“ – Gedanken zum Grüßen

„Hallo!“ Irritiert blickt die junge Frau mich an und geht wortlos an mir vorbei.
Mein Fehler, denke ich und muss grinsen. Was in Eichstätt so selbstverständlich ist, wirkte in einer Gasse der Münchner Innenstadt vor ein paar Wochen wohl etwas schräg. Schnell habe ich mich hier daran gewöhnt: an das Grüßen. Beim Einkaufen am Markt, beim Spazierengehen an der Altmühl oder über zwei Straßenseiten hinweg – bekannte, halbbekannte und auch unbekannte Gesichter werden gegrüßt. Ich mag diese Art der kurzen Begegnung. Für einen Moment sieht man sich an und nimmt einander wahr. Die meisten Menschen können nicht anders, als dabei freundlich zu schauen. Man ist sich gut. In den letzten Tagen – so kommt es mir vor – bleibt das Grüßen immer öfter aus. Die Blicke ruhen auf dem Asphalt oder auf einem Punkt in der Ferne. Dabei sind die Wege gerade an Sonnentagen gar nicht mal so leer. „Ist man sich eigentlich noch gut?“, frage ich mich. Unter „normalen“ Bedingungen haben die meisten ein gutes Gespür dafür, in welchem Grad von Nähe und Distanz sie zueinanderstehen. Körpersprache, Mimik und Gestik, der Tonfall, die Intensität des Kontaktes helfen beim Ausloten. Das gibt Sicherheit im Umgang miteinander.

Seit einigen Tagen aber gelten neue Regeln auf dem sozialen Parkett: Meiden Sie andere Menschen! Halten Sie Abstand zueinander! Verlassen Sie Ihr Zuhause nur, wenn es wirklich notwendig ist! All diese Maßnahmen – so wichtig und geboten sie im Moment sind – können verunsichern und das soziale Klima abkühlen. Mir wird unbehaglich, wenn mir ein halbvermummtes Gesicht begegnet. Wenn andere die Straßenseite wechseln, um mir nicht zu begegnen. Wenn der andere zum potenziellen Risiko für die eigene Gesundheit wird, so wie man selbst ja auch für andere die gefürchtete „Virenschleuder“ ist. Mit Palmzweigen und Hosianna- Rufen wird Jesus von der Menge in Jerusalem begrüßt. Der Palmsonntag ist der Auftakt die Karwoche. Nichts ist in diesen Tagen, wie es scheint: Grüßende Hände ballen sich bald zu Fäusten. Bewährte Freunde fallen ab und bereuen es wieder. Ein ferner Gott erweist sich als ein Gott der Treue und Nähe. Auch in unseren Tagen ist vieles anders, als es scheint. Der Abstand zwischen den Menschenmussneuausgehandelt werden. Und letztlich hoffen wir alle, dass dieser Abstand sich als etwas Gutes erweist und Nähe erst wieder möglich macht. In jedem offenen „Hallo!“ – im Abstand von zwei Metern – klingt diese Hoffnung für mich an.

Pfarrerin Edina Hilmes
(04.04.2020)