Geistlicher Impuls

2020-09-06

Vermessung der Welt

Ob in Balkonien oder doch irgendwo auf einer Reise: Der „Corona-Abstand“ von 1,5 Metern war in diesem Sommer ein wichtiger Maßstab. Auch im Herbst wird er uns erhalten bleiben – nicht nur in unseren Hinterköpfen. In vielen Bereichen wird nach ihm die Welt vermessen werden, um zu entscheiden, wie wir uns in ihr bewegen können.
Um die Vermessung der Welt geht auch in dem gleichnamigen Roman des Schriftstellers Daniel Kehlmann (erschienen 2005). Natürlich ohne den „Corona-Abstand“ von 1,5 Metern. Dafür aber mit den Lebensgeschichten zweier befreundeter „Weltvermesser“: Alexander von Humboldt (1769-1859) und Carl Friedrich Gauß (1777-1855). Der eine ist ein abenteuerlustiger Forschungsreisender, der sich durch Urwälder und Steppen kämpft, Vulkane besteigt und Seeungeheuern begegnet. Der andere ein zurückgezogener Mathematiker und Astronom, der sich am Schreibtisch ins Reich der Zahlen vergräbt, die Flugbahnen von Himmelskörpern berechnet und die erste Telegrafenverbindung der Welt baut. Kurz: Zwei ganz unterschiedliche „Weltvermesser“, zwei ganz unterschiedliche Lebenswege. Im Roman beäugen Humboldt und Gauß einander immer wieder sehr kritisch. Außerdem streiten sie darüber, wer von ihnen wohl weiter in der Welt herumgekommen sei. Über viele Seiten hinweg erscheint Humboldt als der Umtriebigere und auch als der Erfolgreichere der beiden. Am Ende des Romans ist es jedoch Gauß, der mehr mit sich im Reinen zu sein scheint.

Bei Daniel Kehlmann stehen Humboldt und Gauß für ganz unterschiedliche Lebenshaltungen. Aktiv, engagiert, die Welt gestaltend die eine, die andere dagegen zurückgezogen, nachdenkend, forschend. Die Fragen, denen sich die beiden Romanfiguren gegenübersehen – Wie möchte ich auf die Welt zugehen? Wie will ich mich in ihr bewegen? Wie will ich sie für mich vermessen? –, ploppen bis heute in jedem Leben immer wieder auf. Mal lauter, mal leiser. Oft ist die Antwort auch kein starres Entweder-Oder. Oft geht es eher um graduelle Verschiebungen. Darum, welcher Haltung jemand eine Zeit lang mehr Raum geben möchte und welcher Haltung weniger. Ich denke, jene Fragen passen auch zu diesen Tagen, in denen die Ferien- und Urlaubszeit zu Ende geht und der Alltag mit Schule, Arbeit und Co wieder an Fahrt aufnimmt. Vielleicht ist ja auch für Sie jetzt ein guter Moment, um ein wenig darüber nachzusinnen, wie Sie in der nächsten Zeit auf die Welt zugehen, wie Sie sie für sich vermessen wollen.
Egal zu welchem Schluss Sie kommen: Der Anfang von Psalm 37 – „Befiehl dem Herrn Deine Wege“ (Ps 37,1) – ist ein schöner Reisesegen für den Start in Herbst. Es geht wieder los, trotz und mit Corona. Dabei wissen wir natürlich nicht, wohin uns unsere Wege in diesem Herbst führen werden. Aber, so die Verheißung von Psalm 37, wir dürfen darauf vertrauen, dass uns unsere Wege letztlich zum Guten ausgehen.

Pfarrer Christoph Hilmes

2020-08-09

Jesus als fester Grund

Trotz nasser Füße weicht sie kein Stück zur Seite. Und wenn das Waser noch so hoch steigt, dass es um ihre Beine herum nur so braust und brodelt, schlammbraun – auch davon lässt sie sich nicht aus der Ruhe bringen. Sie bleibt felsenfest mit dem Boden verbunden und hat ein breites Kreuz, trotz mancher Altersschwächen… Die Rede ist von der steinernen Brücke über die Altmühl bei Pfünz. Seit Jahrhunderten steht sie da, mit ihren vier Bögen und drei Pfeilern, und hat schon vieles gesehen: Nicht nur Hoch- und Niedrigwasser, nicht nur Kanus unten durch und Radlfahrer oben drüber; sondern auch Katastrophen aller Art, über Jahrhunderte: Missernten, Seuchen, Kriegsheere… Und sie steht immer noch; weil sie fest gegründet ist.

Ach, wie gerne wäre ich ein bisschen mehr wie diese Brücke: Unerschütterlicher, gelassener im Strom der Zeiten. So manchen Ärger, so manche Sorge, so manche Katastrophe könnte ich gleichmütiger über mich ergehen lassen… Dabei haben auch wir Christen eigentlich so ein unerschütterliches Fundament, schreibt der Apostel Paulus im 1. Korintherbrief 3,11: „Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der (schon) gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.“ Durch meinen Glauben (und meine Taufe) bin ich in Christus eingesenkt, habe felsenfesten Grund, auch wenn ich manchmal nasse Füße bekomme. Christus ist es, auf den ich mich in jeder Lebenslage verlassen kann und verlassen soll. ER wird mich über alle Abgründe tragen… Eigentlich!

Ja, eigentlich kenn ich sie gut, diese christliche Hoffnungsbotschaft! Im Kopf ist sie angekommen, abgespeichert – aber nicht immer reicht sie bis ins Herz, bis in die Seele. Wenn mich die Anfechtung und die Zweifel ankriechen wie dichter Nebel über der Altmühl, da reichen oft genug die schönsten Bibelworte nicht mehr… Da brauche ich handfeste, anschauliche Zeichen und Symbole wie ebendiese Brücke bei Pfünz.

Ich wünsche uns allen, liebe Leserinnen und Leser, dass wir immer wieder solche Zeichen und Symbole entdecken, zur Stärkung unseres Glaubens. Gerade in aufgewühlten Zeiten brauchen wir gute Bodenhaftung, tiefe Gründung, damit wir so manchen Abgrund (gelassener) überbrücken können, aber auch in gut christlicher Manier für andere dasein können, die ebenfalls Trost und festen Halt suchen.

Also drandenken, wenn Sie das nächste Mal an der steinernen Brücke bei Pfünz vorbeikommen! Diese Brücke ist nicht nur sehenswert, sondern zugleich auch ein Symbol: Selbst wenn alles schwankt – einen anderen Grund kann niemand legen als den, der in deinem Leben schon gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.

Pfarrer Martin Schuler

2020-08-02

Ferien / Urlaub!!!
Gedanken zum 8. Sonntag nach Trinitatis

Endlich die dunklen Wolken der Belastung wegfallen lassen, den Leistungsdruck, das tägliche Einerlei!
Sonne lässt uns aufleben. Wer ständig im Dunkeln lebt, wird depressiv – das merken wir in den dunklen Monaten des Jahres, wo wir uns nach Sonne sehnen. Jetzt im Urlaub wollen wir die Sonne, die Freiheit und den Schwung des freien Lebens spüren! Zur Sicherheit am liebsten dort, wo die Sonne garantiert ist.
Doch halt – da ist Corona! Schon wieder Zwang – AHA, Abstand Hygiene Atemmaske schränken uns ein.
Plötzlich müssen wir halt machen und können nachdenken über unseren Lebensstil. Wir haben die Gelegenheit, aus dem Hamsterrad des Konsumzwanges herauszutreten und zu überlegen oder zu erkennen: Brauche ich das wirklich? Sind die Ferien vor der Haustür nicht besser? Ist das nicht eine Chance, Zeit für die schönen Dinge um uns herum zu haben, frei zu werden für ein wirklich gutes, nachhaltiges Leben? Entlastet es uns nicht, nicht mehr Getriebener des Zwanges von „immer besser, immer neuer, immer teurer, immer spektakulärer“ sein zu müssen? Stattdessen den Biergarten um die Ecke erkunden, den Fahrtwind auf dem Fahrrad spüren und die Ruhe des Waldes genießen!
Das befreit uns zum Weg zurück zur Freiheit des Christenmenschen, die Gott uns geschenkt hat.
Paulus sagt: „Wandelt als Kinder des Lichts, denn die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit“ (Eph 5,8b.9).
Wenn es in uns hell ist, wird es auch um uns herum hell. Das Licht ist eine kraftvolle Energie. Es bringt Früchte hervor. Was für eine Entlastung! Nicht wir müssen Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit hervorbringen. Sondern das Licht Gottes bewirkt diese Früchte in uns. Wir selbst und die Menschen, mit denen wir zu tun haben, kommen in den Genuss davon. In diesem Zusammenhang ergeht auch der Aufruf im heutigen Wort zur Woche: „Wandelt als Kinder des Lichts!“ Das heißt: „Lebt als Menschen, in denen das Licht Christi brennt.“ Dann wird es auch in Eurer Umgebung hell und heller.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Urlaub!

Dr. Gert-Otto Eckstein, Lektor / Prädikant i.A.

am Ludwig-Donau-Main-Kanal
am Ludwig-Donau-Main-Kanal, ©Walter Huber

2020-07-26

Waldgottesdienst 26. Juli 2020 – „Grün tut gut!“

Stecken, Tannenzapfen, Steine, Rindenstücke, Himbeeren, … – wer mit Kindern im Wald unterwegs ist, hat schnell die Taschen voll mit selbst gesammelten Schätzen. Die für Erwachsene oft wertlosen Fundstücke laden uns aber auch ein, zu staunen: über den Reichtum des Waldes und die vielen kleinen Wunder am Wegrand. Auch im Matthäusevangelium (Mt 6,19-21) lädt Jesus uns ein, noch einmal neu zu bewerten, was wir uns an Schätzen sammeln:
Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, wo sie die Motten und der Rost fressen und wo die Diebe einbrechen und stehlen. Sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo sie weder Motten noch Rost fressen und wo die Diebe nicht einbrechen und stehlen. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.
Sammeln – Gerade die Urlaubszeit ist ja eine Zeit, in der wir gerne etwas sammeln: Muscheln, Fotos, Erinnerungen an schöne Orte, besondere Begegnungen, gutes Essen … Bestimmt haben auch Sie so einen Schatz an früheren Urlaubs- und Ferienerlebnissen, an den wir uns dankbar erinnern können.
In diesem Jahr ist manches nur eingeschränkt oder gar nicht möglich. Manches werden wir vielleicht vermissen. Was sammeln wir in diesem Jahr? Welche Schätze sind uns wirklich wichtig? Welche Ferienmomente bleiben, unabhängig davon, wie viele Kilometer ich von zu Hause entfernt bin?

Hildegard von Bingen jedenfalls empfahl den Menschen, etwas zu sammeln, das auch in diesem Sommer in Fülle vorhanden ist, und das wir heute im Wald besonders wahrnehmen: das Grün.
Allem Grün wohne eine besondere Kraft inne, die sie Grünkraft nannte, auf lat. viriditas. „Es gibt eine Kraft aus der Ewigkeit und diese Kraft ist grün“. – sagte Hildegard von Bingen. Wer sich der Natur zuwendet und das Grün betrachtet und meditiert, der kann diese Kraft in sich aufnehmen.
Diese Grünkraft stärkt die eigenen Kräfte der menschlichen Seele. Denn auch im Inneren des Menschen ruht wie in allen Lebewesen diese schöpferische Grundkraft, die uns immer wieder aufrichtet und neuen Lebensmut gibt. Es ist eine Art Selbstheilungskraft der menschlichen Seele. Was auch immer uns widerfährt in unserem Leben – die Grünkraft in unserem Inneren ist unzerstörbar.

Sammeln wir also heute diese Grünkraft als einen Schatz, der nicht zerstört werden kann. Nehmen wir diese Kraft mit in die nächsten Wochen, die ja einerseits für viele eine ersehnte Auszeit bedeuten von Schule, Hausaufgaben und Arbeit. Wochen, die aber auch mit der Frage belastet sind, wie sich die Corona-Situation weiter entwickeln wird.
Auch wenn manches anders ist in diesen Sommerferien – Gott lädt uns ein, die reichen Schätze seiner Schöpfung zu entdecken und uns daran mit ihm zu erfreuen. Überallhat er seine guten Gaben für uns ausgestreut. Und immer ist die Begegnung mit der Natur auch offen für die Begegnung mit Gott, gerade dort, wo man sich gar nicht bewusst darum bemüht.

Die Schweizer Benediktinerin und Mystikerin Silja Walter erzählt in ihren geistlichen Tagebüchern vom Beeren-Sammeln „Man sammelt dabei nicht nur die Beeren, sondern auch sich selbst.“ – schreibt sie. „Man holt sich neu zusammen an einen inneren Ort.“
Und diese Momente der inneren Sammlung lassen sie einen Jubel des Alltags spüren. Die anderen Gefühle des Alltags, wie Gewöhnlichkeit, Langeweile, Ärger, Müdigkeit, Hetze sind nicht einfach verschwunden, aber mitten in der Gewöhnlichkeit stellt sich auch die besondere Erfahrung ein, ganz in seiner Mitte zu sein.

Ich wünsche uns, dass Gott uns in den vor uns liegenden Ferien- und Urlaubswochen, wo auch immer wir sie verbringen, immer wieder solche besonderen Momente erfahren lässt. Momente, in denen wir die Schätze seiner Schöpfung neu entdecken, Momente, in denen wir neue Kraft schöpfen können und Momente, die uns einen inneren Jubel und unsere Verbindung mit uns selbst und mit Gott spüren lassen.
AMEN.

Segen für die Ferienzeit:

Geh mit Gottes Segen.
Er halte schützend seine Hand über dir,
bewahre deine Gesundheit und dein Leben
und öffne dir Augen und Ohren
für die Wunder der Welt.

Er schenke dir Zeit,
zu verweilen, wo es deiner Seele bekommt.
Er schenke dir Muße,
zu schauen, was deinen Augen wohltut.
Er schenke dir Brücken,
wo der Weg zu enden scheint
und Menschen,
die dir in Frieden Herberge gewähren.
Der Herr segne,
die dich begleiten und dir begegnen.

Er halte Streit und Übles fern von dir.
Er mache dein Herz froh, deinen Blick weit
und deine Füße stark.

Der Herr bewahre dich und uns
und schenke uns
ein glückliches Wiedersehen.

(Gerhard Engelsberger)

2020-07-19

Einfach da sein

Dem Mann, von dem ich jetzt schreibe, bin ich persönlich nie begegnet. Ich habe nur ein paar Zeilen über ihn gelesen, im Blog eines Pfarrers vom Bodensee. Doch diese paar Zeilen hatten es in sich. Als der Pfarrer von dem besagten Mann schreibt, ist dieser bereits verstorben, und der Pfarrer hat ihn vor kurzem beerdigt. Der Pfarrer beschreibt den Verstorbenen als einen „außerordentlich feinen, von einer inneren Frömmigkeit ergriffenen [und] mit einem einfühlsamen Herzen ausgestatteten Mann“. Man erfährt indessen nicht, auf welche Art der Mann sein Leben zugebracht hat – welchem Beruf er etwa nachgegangen ist, ob er Familie gehabt hat oder ob er alt geworden ist. Aber man erfährt, dass der Mann gegen Ende seines Lebens einen großen Kummer hatte: Es bedrückte ihn, nur einfach so sein Leben gelebt und nicht wirklich etwas Großes geleistet zu haben. Einen Satz, den dieser Mann wohl des Öfteren sagte, hat der Pfarrer notiert. Der Satz lautet: „Es ist schade, nur ‚einfach so‘ hiergewesen [sic!] zu sein“. Mir sind diese Worte lange nachgegangen. Ich fand den Tonfall bedrückend. Obwohl ich nichts über dieses Leben wusste, war ich traurig. Denn ich hatte den Eindruck, dass hier einer sein Leben in übertriebener Weise abwertet.

Zu einer Frau, der ich tatsächlich begegnet bin: Diese Frau und jener Mann kennen einander nicht. Trotzdem bilden sie für mich eine Art Paar. Eines Tages hat die Frau – ich weiß nicht mehr, bei welcher Gelegenheit – davon erzählt, wie sie jeden Morgen aufsteht. Und das geht so: Nach dem Aufwachen verbringt die Frau noch ein paar stille Minuten auf der Bettkante. Sie will einfach nur im Moment sein. Sie will spüren, dass sie da ist. Zu diesen Minuten gehört für die Frau auch ein Gebet. In diesem Gebet dankt sie Gott für den neuen Tag, der vor ihr liegt und den sie als Geschenk annehmen möchte. Erst dann steht sie wirklich auf, wirft einen ersten Blick aus dem Fenster und geht ins Bad. Für diese morgendlichen Momente auf der Bettkante hatte die Frau eine ganze eigene Beschreibung: Sie sagte, sie vergewissere sich der Bühne, auf der ihr Leben spielt.

„Es ist schade, nur ‚einfach so‘ hier gewesen zu sein“. Ich weiß nicht, was den eingangs erwähnten Mann zu dieser Einschätzung gebracht hat. Ich möchte auch keine Mutmaßungen über etwaige Gründe anstellen. Ich glaube aber, dass man sehr leicht in solch eine selbstabwertende Haltung hineinrutschen kann und dass es umso schwerer ist, sich von dieser wieder zu lösen.
„Es ist schön, nur ‚einfach so‘ hier gewesen zu sein“. So könnte vielleicht die Frau sprechen, wenn sie am Abend auf den Tag zurückblickt, der für sie nicht nur eine Aufgabe war, sondern vor allem ein Geschenk Gottes.
Einfach da sein und sich darüber freuen können – das wünsche ich uns allen.


Der Blog des Kollegen findet sich im Internet unter: https://tagebucheineslandpfarrers.wordpress.com (Beiträge bis Januar 2018 abrufbar).


Pfarrer Christoph Hilmes

2020-07-12

Gedanken zum Sonntag 12. Juli 2020



Fahre hinaus,
wo es tief ist…

Lukas  5,1-11

Geht nicht (mehr)   Zu spät!   Bringt nichts (mehr)
Wie gerne sagen wir das, wenn jemand etwas Kühnes, etwas Un-erhörtes, noch-nie-Gehörtes von uns zu tun verlangt: etwas, das auch auf den zweiten Blick aller Erfahrung wider-spricht…

Geht nicht (mehr)  Zu spät!   Bringt nichts (mehr)
So haben viele gesagt, wenn Klimaforscher die radikale Um-kehr und Ab-kehr vom Öl gefordert haben: den Verzicht auf immer größeres Wachstum, den Verzicht auf Plastik, den Verzicht auf die gewohnte Mobilität, den Verzicht auf den liebgewonnenen Urlaubsflug…

Geht nicht (mehr)  Zu spät!  Bringt nichts (mehr)
Warum soll ich verzichten, wenn der Rest der Welt gerade erst anfängt mit unserem westlichen Lebensstil? Das Klima ist eh nicht mehr zu retten! So eine Aus-fahrt ins radikal Blaue, ins völlig Un-bekannte bringt uns doch an den Rand des wirtschaftlichen Kollaps, gefährdet den gesellschaftlichen Frieden, mutet uns Un-zumutbares zu…

Haben wir gesagt.

Und dann kam Corona.

Und mutet uns seitdem das (angeblich) Un-zumutbare zu…
Und auf einmal ging und geht einiges,
von dem wir jahre- und jahrzehntelang felsen-fest behauptet haben:
Geht nicht (mehr)  Zu spät!  Bringt nichts (mehr)

Auf einmal deutlich weniger CO 2-Austoß!

Weil praktisch alle Flieger am Boden blieben,
eigentlich über-flüssige Geschäfts- und Vergnügungsreisen (nach Mallorca für 20 Euro…) abgesagt wurden, erzwungenermaßen.

Auf einmal war die Luft sauberer, der Himmel blauer, das tägliche Verkehrschaos, der Lärm, der Gestank der Autos und Busse in Eichstätt verschwunden, dörfliche Idylle auf allen Straßen, für ein paar Wochen wenigstens…

Und man konnte feststellen: Eigentlich auch mal recht schön, eigentlich idyllisch, als Fußgänger soviel Platz in der Stadt zu haben, den Wind und die Vögel zu hören, die Stille und Ruhe zu genießen… Menschlichere Stadt!

Ja, und auf einmal war da auch kein Freizeit-Stress mehr, wohin heute, wohin morgen? was kaufe ich mir heute, was ich eigentlich gar nicht brauche? Sondern auf einmal tauchte bei vielen auch die Frage auf:

Wieviel und was brauche ich wirklich zum Leben? Immer nur Geld verdienen und ausgeben – oder solidarische Rücksichtnahme und Nachbarschaftshilfe in Notzeiten, gute Gespräche jenseits des Alltagsstress? Vielleicht gibt es ja doch eine realistische Alternative zu unserer über-takteten und über-hitzen Lebensweise?

Natürlich brachte und bringt Corona auch un-zumutbare Zumutung, die viele Menschen an den Rand ihrer Existenz bringt: wirtschaftlich, sozial, psychisch, familiär… Für all jene ist es nicht so sehr Chance, sondern Stress pur und drohender Abgrund… stimmt.

Auf-bruch ist immer auch Ab-bruch der Zelte!

Und doch schimmert in allem der Verdacht durch:
Vielleicht geht es ja doch anders besser, nämlich ent-schleunigter, nach-haltiger, solidarischer? Vielleicht ist das bislang Un-denkbare doch nicht so absurd und un-möglich? Vielleicht ist ja das, was wir bislang für „Normal“ hielten, das Un-normale??? Verdrehte Welt…


Fahre hinaus, wo es tief ist –
wo es un-gewiss und un-bekannt ist!
Fahre hinaus – dorthin, wo du keine Er-fahrung hast – und wage Neues!

Und du wirst un-erwarteten und un-gewohnten Segen finden,
echte Fülle – die über alle deine (negativen) Erwartungen und Sorgen und Ängste und Befürchtungen hinaus-führt.


Fahre hinaus, wo es tief ist – sagt Jesus damals zu Simon Petrus,
dem erfahrenen Fischer – hören wir im Lukas-Evangelium 5,1-11.

Fahre hinaus, wo es tief ist – zur un-gewohnten Zeit, am hellichten Mittag, wo du keinen Fang mehr erwartest.

Mit meiner Hilfe, mit meinem Beistand wirst du reichen Fang machen – wenn du deine Zweifel überwinden kannst, wenn du es wagst, wenn du dich traust, die bisherigen Sicherheiten, das bekannte, sichere Ufer hinter dir zu lassen.

Ja, der erfahrene Simon Petrus winkt zunächst ab;
doch dann fasst er Vertrauen in Jesus; irgendwas an dem unbekannten Jesus gibt ihm Vertrauen; und so bricht er auf, ins Ungewisse:
Auf dein Wort hin… will ich los-fahren, ins Ungewisse.


Und was sagen wir?

Corona hat uns gezwungen, quasi über Nacht viele bekannte Häfen zu verlassen, zu flüchten, ins Ungewisse zu rudern und zu segeln…

Corona droht uns mit Krankheit, Sterben, Zerfall der Strukturen…

Und doch ging plötzlich so vieles – wenigstens vorüber-gehend!

In aller Bedrohung träumte ich: Vielleicht wird die Welt nun eine bessere, vernünftigere, mit mehr Zusammenhalt und Rettung des Klimas…???
Corona hat uns bei aller Bedrohung auch gelehrt:
Hoffnung ist möglich! Radikaler Aufbruch ist möglich und bringt auch unerwarteten Segen!

Wie ist das bei Jesus?

Zwingt er uns auch so? Wirft er uns auch so ins kalte Wasser?

Ich glaube, der große Unterschied ist: Jesus zwingt (meistens?) nicht, sondern lädt ein, ermutigt uns, über-kommene, über-holte Wege zu ver-lassen und neue, bislang un-bekannte Wege zu suchen.
Weil er der Überzeugung ist: Dort ist immer wieder Segen zu finden, im Auf-bruch.

Und ganz wichtig: Jesus lässt uns (meistens?) nicht allein in unserem Lebensschifflein auf bedrohlich tiefen und stürmischen Wassern, sondern ist mit uns an Bord und bringt den Sturm schließlich zum Schweigen – zeigt die Geschichte von der Sturmstillung (Markus 4,35-40).

Entdecke die Möglichkeiten!
Das ist keine Erfindung eines schwedischen Möbelherstellers, sondern die ur-alte und ewig-wahre Ermutigung eines galiläischen Lebe-mannes im wahrsten Sinne des Wortes.

Im Vertrauen auf Jesus werden wir überall Leben finden;
er ruft uns heraus (aus Enge, Bedrohung und Irrwegen)
und führt uns ins Weite, zu neuen Möglichkeiten!


Corona hat uns schmerzhaft gelehrt, dass vieles eben doch möglich ist…

So müsste es doch erst recht möglich sein, dem verheißungs-vollen
Ruf Jesu zu folgen, seinem Wort zu vertrauen:

Fahre hinaus, wo es tief ist – und entdecke die Möglichkeiten
(Gottes und der Menschen) – unter Gottes hoffnungs-blauem Himmel!


Pfarrer Martin Schuler

2020-07-05

Gottesdienst im Alltag
Gedanken zum 4. Sonntag nach Trinitatis

I.
Wie wollen und wie können wir Gottesdienst feiern?
Diese Frage findet in Corona-Zeiten ganz unterschiedliche Antworten: Gottesdienste im Internet, im Fernsehen oder im Radio. Gottesdienste im Freien. Gottesdienste „in echt“, aber mit besonderen Schutz­maßnahmen.

Wie wollen und wie können wir Gottesdienst feiern?
Diese Frage ist wahrscheinlich so alt wie das Christentum selbst.
Im Predigttext für den heutigen Sonntag – einem Abschnitt aus dem Römerbrief des Apostels Paulus – geht es um eine besondere Art des Gottesdienstes, die von Anfang an zum christlichen Glauben dazugehörte, nämlich: der Gottesdienst im Alltag. Dieser Gottesdienst geschieht jenseits von Kirchenmauern und unab­hängig von Gottesdienstzeiten. Er geschieht eben im Alltag der Menschen, im zwischenmenschlichen Umgang und Miteinander.
Über den Gottesdienst im Alltag schreibt Paulus im Römerbrief (Röm 12,17-21):
„Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist’s möglich, soviel an Euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Rächt Euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5. Mose 32.35): ‚Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr‘ Vielmehr, ‚wenn Deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn Du das tust, so wirst Du feurige Kohlen aus deine Haupt sammeln‘ (Sprüche 25,21-22). Lass Dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“

II.
Wie wollen und wie können wir Gottesdienst feiern?
Im Blick auf den Gottesdienst im Alltag beschreibt Paulus im eben gehörten Predigttext verschiedene Grundhaltungen für unseren Umgang und unser Miteinander.

Eine dieser Grundhaltungen lautet: „Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann [/ *frau].“
Paulus sieht Christinnen und Christen offenbar in einer umfassenden Verantwortung für alle Menschen – seien sie nah oder fern, seien sie vertraut oder fremd. Dieser universale Anspruch ist faszinierend und herausfordernd und abschreck­end zugleich. Wo und wie fängt man das an?
Ich musste bei dem Satz „Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann“ an eine Übung denken, die ich vor einiger Zeit auf einer Fortbildung mitgemacht habe. Es ging in dieser Übung darum, ein Gespür dafür zu entwickeln, wie schnell man Menschen auf bestimmte Eigenschaften festlegt und sie aus der jeweiligen Schublade dann auch kaum noch herauskommen lässt. Aussagen mit dem Wörtchen „ist“ sind zum Beispiel sehr einengend und insofern gefährlich. Denn sie zwängen die so beschriebene Person geradezu ein. Ein Beispiel: „Fritz ist der größte Störenfried der Schule.“ Dass Fritz zuhause sich vielleicht auch als liebe­voller großer Bruder zeigt, geht darüber vollkommen unter.
„Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann“: Ein Anfang dazu kann also vielleicht sein, mit Festlegungen vorsichtig(er) / zurückhaltender zu sein und sich bewusst zu machen, dass das jeweilige Gegenüber immer mehr Eigen­schaften hat als die, die er oder sie gerade zeigt.

III.
Eine andere Grundhaltung für den Gottesdienst im Alltag: „Lass Dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“

Was gut und was böse ist, das ist im Märchen oder bei Harry Potter oft sehr klar und leicht zu unterscheiden. Im „normalen“ Leben ist das dagegen oft alles andere als einfach. Immer wieder ähnelt unser Alltag einer „Grauzone“, in der Gut und Böse weniger deutlich getrennt sind. Mehr noch: Immer wieder steht das Gute in Gefahr, vom Bösen „infiziert“ und verwandelt zu werden.
In der großen Rassismus-Diskussion der letzten Wochen berichtete eine Frau – sie selbst Tochter einer Deutschen und eines Afro-Amerikaners – von der Erziehung ihrer beiden mittlerweile erwachsenen Söhne. Der Frau war es immer ein großes Anliegen gewesen, Selbstbewusstsein und Offenheit ihrer Söhne zu stärken. Außerdem wollte sie ihre Söhne dazu befähigen, zwischen Menschen und ihren Aussagen unterscheiden zu können. Das hieß in ihrem Fall: Ihre Söhne sollten lernen, rassistischen Äußerungen und Anfeindungen deutlich zu widersprechen, ohne dabei jedoch die Menschen, die derlei vorbrachten, in ähnlicher Weise abzuwerten oder gering zu achten. Oder anders gesagt: Die Frau wollte verhindern, dass ihre Söhne „vom Bösen überwunden werden“.
Dass der Grat zwischen Gut und Böse oft sehr schmal ist, war [natürlich] auch schon Paulus bewusst. Im Zweifelsfall – um nicht vom Bösen überwunden zu werden – empfiehlt Paulus Zurückhaltung und Selbstbeherrschung. Und er erinnert daran, dass Christinnen und Christen ihr Tun vor Gott zu verantworten haben. In den Worten des Predigttextes: „Rächt Euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes“.

IV.
Wie wollen und wie können wir Gottesdienst im Alltag feiern?

„Ist’s möglich, soviel an Euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.“
Diese dritte Grundhaltung, die Paulus vorführt, enthält zweierlei: Zagen und Zuversicht. Sie beginnt, pragmatisch-realistisch, mit der Einsicht, dass unsere menschlichen Möglichkeiten begrenzt sind. Und sie endet mit der Hoffnung auf Frieden zwischen allen Menschen.

Frieden ist nichts, was sich um Handumdrehen herstellen ließen. Weder im Kleinen noch im Großen. Für Frieden braucht es das Zusammenspiel vieler. Zugleich ist der Beitrag und das Zutun jedes*r Einzelnen notwendig und wichtig. Sonst geht es nicht.
Frieden – das ist ein großes Ziel für unseren Gottesdienst im Alltag. Aber auch eine wunderbare Verheißung.


Pfarrer Christoph Hilmes

2020-06-28

Gedanken zum Sonntag
nach dem Johannistag 28.6.2020

Ein Mensch trat auf,
von Gott gesandt;
sein Name war Johannes.

Er kam als Zeuge,
um Zeugnis abzulegen
für das Licht,
damit alle durch ihn zum
Glauben kommen.

Er war nicht selbst das Licht,
er sollte nur Zeugnis ablegen
für das Licht.

Johannes 1,6‐8

Manchmal dauert es, bis man das Licht sieht…

Sorgen‐‐volle Nächte. Schlaf‐‐‐lose Nächte. Die Nacht ––– zieht sich.

Kleine Augen am Morgen.

Geh mir weg mit der Sonne! Zu grell, zu hell. Vertrag ich nicht…

Will ich gar nicht alles sehen, was das aufgehende Licht
offen-bart, ent-hüllt, auf-deckt (auch Leid und Schuld).

Licht-Flut. Licht-überflutung… Land unter (dem Licht).

Und doch tut es gut, wenn es endlich wieder-kommt –
das Licht! Wenn es auf-hellt und auf-wärmt. Das Frösteln vertreibt.


Was im Dunkel
wie große und

wirkt –

ist

nicht so groß und
un-

bedrohliche Schatten



bei Licht be-sehen
doch


über-windlich.
Manchmal ist es auch gut, wenn die Nächte so kurz sind –
so kurz wie zum Johannistag am 24. Juni.

Zur Zeit der kürzesten Nacht im Jahr –
man könnte auch sagen: zur Zeit des längsten Tages –
weist die 24 im Juni auf eine andere, noch wichtigere
24 im Kalender hin:

Genau in einem halben Jahr ist der 24. Dezember,
die Geburt des wahren Lichts der Welt!

In der längsten Nacht, im größten Dunkel kommt ER in die Welt:
Jesus Christus!

ER ist die wahre Licht‐gestalt, um unsere Schatten zu vertreiben,
unsere Sorgen, unsere Müdigkeit.

Und dieses Licht will Lug und Trug auf‐decken,
dunkle Un‐wahrheit auf‐hellen, helle Wahr‐heit zeigen.
Damit unsere Augen sehen!
Das Wahre und Wahrhaftige sehen.
Die wahre Hoffnung und die wahre Rettung!

Darauf weist Johannes (der Täufer) hin. Vor Sonnen‐auf‐gang.

Als ein‐samer Rufer in der Wüste steht er da, von vielen über‐sehen,
be‐lächelt, ver‐spottet, ver‐hasst:

Kommt – und seht!

Johannes weist die Menschen auf das hin,
was sie eigentlich sehen müssten und doch nicht sehen –
weil die Augen der Menschen zu klein sind:

Gefangen in ihren eigenen Wünschen und Träumen,
gefangen in ihren eigenen Vorstellungen, Befürchtungen und Sorgen
dauert es, bis sie das Licht sehen, wahr‐nehmen, für‐wahr‐nehmen.

Johannes, der Rufer in der Wüste, öffnet ihnen die Augen:
Da kommt einer, der ist größer als ich,
Jesus Christus, der Heiland, der Retter,
das wahre Licht,
das all eure Finsternis vertreiben wird,
euren Kummer und Schmerz,
eure Sorgen und eure Schuld.

So wendet euch um,
von den Schatten
zum aufgehenden Licht hin!

Und ihr werdet leben, wirk‐lich leben.
Ohne Ende.
Im Licht Gottes.
In seiner Liebe.
Wie der Sonnenstrahl am Morgen,
wie die helle Sonne am Mittag,
wie das letzte Licht des Tages –
so soll dir immer wieder Jesus,
das wahre Licht, begegnen.

Immer wieder unterschiedlich,
an unterschiedlichen Tagen
wird er dir auf‐scheinen –
darum suche das Licht,
sehe das Licht:
Und du wirst leben, auf‐leben
In dunkelster Nacht.
Und am hell‐ichten Tag.
Im Licht Jesu!


Davon gibt Johannes Zeugnis,
darauf weist Johannes hin.

Und so können wir weiter‐leben, über‐leben,
wenn das Licht des Tages ab‐nimmt,
im realen wie im übertragenen Sinn.

Auf den anderen 24. hin‐leben können wir,
auch wenn unsere Kräfte ab‐nehmen,
vorüber‐gehend oder dauer‐haft.

„ER muss wachsen, ICH aber muss abnehmen“,
sagt Johannes (Joh‐Ev 3,30).

Ich kann damit leben, dass ICH nicht alles kann – solange ER,
Christus, das Licht der Welt auf‐geht, wächst, immer wieder und
immer mehr mein Leben durch‐dringt, er‐hellt.

In SEINEM Licht kann ich leben – in Ewigkeit.

Pfarrer Martin Schuler

2020-06-14

1. Sonntag nach Trinitatis 2020
Apg 4, 32-37

Vielleicht war die Gütergemeinschaft nicht ganz so umfassend umgesetzt, wie es der erste Teil des Textes zusammenfasst. Und doch gab es die Bemühung, aus dem Glauben heraus die Not der Bedürftigen zu lindern.
Lukas erzählt von solch einem innovativen Beispiel: Barnabas verkauft – vom Evangelium berührt – nicht weniger als einen Acker, um den Armen zu helfen.

Wenn wir heute hinein in unsere Gemeinden, in unsere Kirche, in die weltweite Ökumene schauen, ist es nicht schwierig wahrzunehmen, wie ungleich Besitz und Geld auch unter Christen verteilt sind.

Vieles an Sozialfürsorge für die Ärmeren nehmen uns heute staatliche und diakonische Einrichtungen ab, aber dennoch entbindet uns das nicht, mit dem Blick des Lukas das Wohlstandsgefälle wahrzunehmen und unser Herz zu öffnen. Und bis heute wird ja das Engagement für Benachteiligte, z.B. in den Vesperkirchen, auch von Außenstehenden geschätzt und trägt zur Glaubwürdigkeit unserer Botschaft bei.

„Man gab einem jedem, was er nötig hatte.“ – so lautet das Konzept der Urgemeinde. Und umgekehrt kann dieses Verteilen nach Augenmaß heißen: jeder gibt das, was er entbehren kann. Die Schritte auf dem Weg der Barmherzigkeit mögen klein sein, wie eben die Möglichkeiten eines jeden sind.
Das Beispiel des Barnabas zeigt: Ihr könnt einen Anfang machen. Nicht zufällig wird eben dieser Barnabas später ein Begleiter des Paulus, er bleibt ein wichtiger Verkünder des Evangeliums.
Die Freude, zu Christus zu gehören, strahlt weiter aus, auch in ganz konkreter Hilfe. Und etwas zu teilen bedeutet nicht nur Freude für die, die etwas empfangen, sondern auch für die, die etwas geben können.

Pfarrerin Christiane Rabus-Schuler

Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele, so malt uns Lukas das Bild der ersten Christen vor Augen. Und es geht noch weiter: Es war ihnen alles gemeinsam.
Was weckt dieses Ideal der Jerusalemer Urgemeinde in uns?
Den Wunsch nach einer harmonischen Gemeinschaft? Die Sehnsucht nach Gerechtigkeit, nach einem Ausgleich zwischen Arm und Reich, nach dem Ende dessen, dass die einen auf Kosten der anderen leben?
Oder: einen skeptischen Blick auf diesen Bibeltext, auf ein unrealistisches, utopisches Ideal? Auf ein Modell, das Menschen auch überfordern oder sogar unter Druck setzen könnte? Kann das wirklich jemals so funktioniert haben?

Schon im Lukasevangelium wendet sich Jesus den Armen und Bedürftigen in besonderer Weise zu. Jesus wird selbst in Armut geboren in einem Stall. Später verkündet er den Armen Gottes Nähe: Selig seid ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euer. Selig seid ihr, die ihr jetzt hungert; denn ihr sollt satt werden.
Und zu einem angesehenen Mann, der ein vorbildliches Leben nach Gottes Geboten führt, sagt Jesus: Es fehlt dir noch eines. Verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen.

In der Apostelgeschichte setzt sich dieses Evangelium vom Heiland der Armen nun fort. Lukas zeigt, was geschieht, wenn der Glaube an den Auferstandenen viele Menschen in einer neuen Gemeinschaft zusammenführt: Auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.
Ich denke, auch Lukas hat gewusst, dass sein Ideal nicht einfach die Wirklichkeit abbildet. Aber er wollte zeigen, wie die Botschaft der Auferstehung und das Leben der Gemeinde zusammenhängen können.

Jesu Auferstehung hat alles auf den Kopf gestellt. Das Leben hat über den Tod gesiegt. Angst, Traurigkeit und Isolation der Jünger haben ein Ende. Und nun erleben die Nachfolger Jesu auch in ihrem Zusammenleben ein solches Wunder, eine Umkehrung aller üblichen Verhältnisse. So wie es schon Maria in ihrem Loblied gesungen hat, als sie, Maria aus Nazareth, den Sohn des Höchsten zur Welt bringen sollte.

2020-05-31

Impulse für einen Pfingstspaziergang

„Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen …“
Impulse für einen Pfingstspaziergang
Pfingsten ist das Fest des Heiligen Geistes (s. Apostelgeschichte 2). Der Heilige Geist, so erzählt die Bibel, setzt Menschen innerlich wie äußerlich in Bewegung. Er überwindet Gegensätze. Er ermöglicht Verstehen.
So ist auch der vorliegende Spaziergang eine Möglichkeit, sich vom Heiligen Geist in Bewegung bringen zu lassen. Begleiter auf dem Weg ist die Geschichte vom Turmbau zu Babel (1. Mose 11,1-9 [s.u. Textblatt]), gewissermaßen die Vorgeschichte zu Pfingsten, zugleich aber auch ihr Gegenstück. Die Geschichte vom Turmbau lädt dazu ein, über persönliche „Bauvorhaben“ und das Wirken Gottes im eigenen Leben nachzudenken. Dazu finden Sie unten entsprechende Impulse.

Sie können diesen Spaziergang alleine machen, zu zweit oder in der Familie (falls Sie nicht vor die Tür können / wollen, eignet er sich auch als “Phantasiereise“ von Zuhause). Wählen Sie dazu einen Weg, der Ihnen bekannt ist und auf dem Sie gut und sicher gehen können. Das kann
in der Stadt sein oder in der Natur. Zu Beginn und am Ende des Weges können Sie ein Gebet sprechen. Vorschläge dafür stehen ebenfalls unten.
Für alle, die zu zweit oder in der Familie unterwegs sind: Lesen Sie den jeweiligen Impuls gemeinsam und probieren Sie ihn anschließend jeweils für sich aus. Wenn Sie mögen, können Sie danach einander von Ihren Erfahrungen und Gedanken erzählen. Zudem können Sie vorab auch vereinbaren, einzelne Wegstrecken alleine zu gehen.
Ich wünsche Ihnen einen guten Weg!

Gebet vor dem Aufbruch
Gott,
ich bin da. Du bist da.
(ggf. einige Atemzüge Stille, bewusstes Ein- und Ausatmen)
Ich bitte Dich:
Sende Deinen Heiligen Geist!
Er leite und begleite mich auf diesem Weg heute.
Er öffne mich für das, was ist:
In mir, um mich herum, bei Dir.
Amen.


Impulse für unterwegs
– Für die erste Wegstrecke: „Was lasse ich zurück? Was liegt hinter mir?“ Das können Personen, Tätigkeiten, Dinge, Orte etc. sein. An dem aktuellen Tag oder in der jüngeren Vergangenheit.
– Unterwegs: Die Geschichte vom Turmbau zu Babel (1. Mose 11,1-9; s. unten)
Lesen Sie die Geschichte vom Turmbau zu Babel – für sich oder, wenn Sie zu mehreren sind, im Wechsel bzw. versweise reihum. Lassen Sie die Geschichte in der Stille nachklingen. Gibt es ein Wort oder einen Satz(teil), der mir besonders auffällt? Was zieht mich an, was stößt mich ab? Wo habe ich Fragen?
– Unterwegs: „Welche Turmbauprojekte habe ich in meinem Leben?“ Womit will ich den Himmel erreichen? Womit will ich mir einen Namen machen? (z.B. mit einer besonderen Leistung, Kindern, Projekten, Erfolgen etc.)

– Unterwegs: „Wer baut mit wem – und wie?“ Wer baut mit an meinen Turmbauprojekten? An wessen Bauvorhaben bin ich beteiligt? Mit wem spreche ich ››einerlei Sprache‹‹ und wir verstehen uns und treiben Dinge voran – in guten wie in schlechten Vorhaben? Wo habe ich Missverstehen und Verständnislosigkeit erlebt und erlitten?

– Unterwegs: „Wie sieht Gott meine Turmbauprojekte?“ Die Geschichte vom Turmbau hat auch eine humorig-komische Seite: Woran die Menschen bauen und worauf sie stolz sind, ist vom Himmel aus betrachtet – aus Gottes Sicht – winzig klein. Gott muss erst „herniederfahren“ auf die Erde, um Stadt und Turm erkennen zu können. Versuchen Sie sich an einer „himmlischen“ Sicht auf sich und Ihre Turmbauprojekte – ohne zu werten, aber mit Humor! Wie sehen meine Turmbauprojekte, mein Planen und Bauen aus Gottes Perspektive aus? Wo wünsche ich mir, dass Gott „herniederfährt“ und mir eine andere Sicht schenkt? Wie könnte diese andere Sicht aussehen?

– Gegen Ende des Weges: „Was ist mir haftengeblieben?“ Schauen Sie zurück auf den Weg, den Sie gegangen sind. Lassen Sie Revue passieren, was Sie erlebt und gedacht haben. Gibt es etwas, das Ihnen wichtig geworden ist? Halten Sie das zuhause für sich fest, z.B. in Ihrem Tagebuch. Wenn Sie mögen, erzähle Sie es jemandem, der Ihnen wichtig ist. Oder bringen Sie es im Gebet vor Gott.

Gebet nach dem Ankommen
Gott, ich bin da. Du bist da.
(ggf. einige Atemzüge Stille, bewusstes Ein- und Ausatmen)
Ich danke Dir für den Weg
und für das,
was ich unterwegs erlebt habe.
(ggf. einige Atemzüge Stille und / oder Raum für eigene Gebetsworte)
Ich bitte Dich:
Dein Heiliger Geist begleite mich und alle,
mit denen ich mich verbunden weiß,
und stärke uns in dem Vertrauen,
dass alles bei Dir zu einem guten Ziel findet.
Amen.


Pfarrer Christoph Hilmes

Literatur: Dohna, A. zu: Glaube auf dem Weg. Impulse zum Pilgern, Göttingen 2018.


Bibeltext für Pfingstspaziergang
Der Turmbau zu Babel (1. Mose 11,1-9)
(1) Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache. (2) Als sie nun
von Osten aufbrachen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinar und
wohnten daselbst. (3) Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, lasst
uns Ziegel streichen und brennen! – und nahmen Ziegel als Stein und
Erdharz als Mörtel (4) und sprachen: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und
einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, dass wir
uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut über die
ganze Erde. (5) Da fuhr der Herr hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten. (6) Und der Herr sprach: Siehe, es ist
einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen und dies ist der
Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden
können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. (7) Wohlauf,
lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass
keiner des andern Sprache verstehe! (8) So zerstreute sie der Herr von dort über die ganze Erde, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen. (9) Daher heißt ihr Name Babel, weil der Herr daselbst verwirrt hat aller Welt Sprache und sie von dort zerstreut hat über die ganze Erde.

Sie finden den Text hier auch zum Herunterladen.