Pfarrer

2020-11-22

Ewigkeitssonntag 2020

Gloria sei dir gesungen,
mit Menschen- und mit Engelszungen,
mit Harfen und mit Zimbeln schön.

Von zwölf Perlen sind die Tore
an deiner Stadt; wir stehn im Chore
der Engel hoch um deinen Thron.

Kein Aug hat je gespürt,
kein Ohr hat mehr gehört
solche Freude.
Des‘ jauchzen wir
und singen dir
das Halleluja für und für.


(Evang. Gesangbuch 147,3)


So werden wir es ganz am Schluss singen, ganz am Ende unseres irdischen Lebens. Denn wir werden leben – auch jenseits des Sterbens, rufen uns die Bibeltexte und Lieder am Ewigkeitssonntag zu!

Jesus ruft uns aus den Toten. Und wenn wir seine Stimme hören und ihm vertrauen, dann führt er uns in den himmlischen Festsaal, wo unsere Seele Hochzeit mit Jesus feiern wird, mystische Vereinigung, untrennbare Einheit mit Jesus.

Und es wird vollkommene Freude herrschen; der alte Schmerz ist vergangen, heißt es weiter. Hell und glänzend wird es sein, im himmlischen Festsaal; das alte Zwielicht ist vorbei. Und wir werden mit allen Verstorbenen, mit allen Heiligen und allen Engeln zusammen ein wunderbares Festmahl, das „große Abendmahl“ feiern.

Und unsere Seele wird endlich ganz und gar satt werden, erfüllt von soviel Freude und Gemeinschaft und Liebe, die von unserem Herrn Jesus Christus ausgeht. Denn der HERR selbst wird in diesem Festsaal anwesend sein, auf dem Thron sitzen. Er allein ist der allmächtige und barmherzige König; und seine Macht kennt kein Ende.

Und wir werden endlich ganz und gar „zuhause“ sein und erfüllt sein von soviel Dankbarkeit, dass wir den Herrn endlich sehen dürfen und für immer in ihm leben dürfen, in seiner Herrlichkeit. Und spätestens dann werden wir alle miteinander singen, voller Freude und Dankbarkeit über das Leben in Gottes Hand – so ähnlich wird es uns verheißen.

Mit solch wunderbaren Bildern versuchen die Bibeltexte und Lieder für den Ewigkeitssonntag uns einen Vorgeschmack auf das ewige Leben jenseits des Todes zu geben. Man könnte auch sagen:
Wir sollen bereits jetzt die fröhlichen Melodien von ferne hören, schon jetzt mal mitsummen, was wir dereinst von ganzem Herzen und ganz unbeschwert singen werden –  im himmlischen Freudensaal, in der Auferstehung!

Diese mystischen, geheimnisvollen Bilder und Melodien aus der Vollendung sollen uns jetzt schon trösten und stärken, gerade auch in den dunklen Zeiten unseres Lebens, gerade auch in den Trauer-Tälern.

Ja, ich weiß: Momentan fällt das so manchem unter uns noch schwer, solche Bilder und Melodien der Hoffnung und der Freude und der Zuversicht zu sehen, zu glauben und mitzusingen.
Gerade wenn man einen Menschen verloren hat, wenn man ihn ziehen lassen musste, da verschlägt es einem erst mal die Stimme. Da bleibt man immer wieder stumm. Und wenn, dann kann man solche Hoffnungslieder erst mal nur verhalten, mit halbem Herzen mitsummen.

Und doch weichen die Bibeltexte und Lieder vor unserem Schmerz und unserer Trauer nicht zurück, wie Menschen es aus Unsicherheit oft tun. Die Bibeltexte und Lieder zum Ewigkeitssonntag versuchen unverdrossen, uns Trost und Hoffnung zu geben –  indem sie uns eine ungeheuer weite Perspektive eröffnen, die weit über das hinausreicht, was wir heute vor Augen haben.

Wo wir oft genug müde abwinken, vielleicht auch unsere Ruhe haben wollen – da laden uns die Lieder unverdrossen ein, wenigstens mit-zu-summen. Denn je öfter wir das versuchen, desto vertrauter werden sie uns; je öfter wir sie summen und vielleicht irgendwann auch singen, desto mehr werden wir entdecken und verstehen, desto mehr werden wir glauben können an das Wunder der Auferstehung.

Und wenn es gut geht, werden wir das Sterben nicht nur als Verlust, sondern auch als Gewinn begreifen, so wie es in einem bekannten Lied heißt:
„Christus, der ist mein Leben, sterben ist mein Gewinn…“

Denn unser Leben, Lieben und Leiden auf dieser Erde ist noch lange nicht alles, sagt unser Glaube! Durch das Sterben hindurch gelangen wir endlich noch näher zu Jesus, unserem Herrn und Erlöser und werden endlich in Vollkommenheit leben, ohne Schmerz, in der Auferstehung – so wie Jesus auferstanden ist und ganz nah bei und in Gott lebt.

Ja, mit dem Verstand ist das alles schwer zu begreifen; und auch unsere Gefühle können ganz schön schwer und widersprüchlich sein… Auch Anklage und Zorn gegenüber Gott spielen vielleicht bei manchem noch mit rein: „Wie konnte Gott mir diesen geliebten Menschen nur aus der Hand reißen, zu sich rufen…?“

Doch wir sollen mit unserem Schmerz nicht allein bleiben – durch die Bibeltexte und Lieder hindurch sollen wir Gottes Trost für uns hören; im Hören und Beten, aber gerade auch im Singen sollen wir Gottes Nähe spüren, dass er immer bei uns bleibt – in jeder Lebenslage und darüber hinaus.

Solche Visionen sollen uns, liebe Gemeinde, die Angst vor dem Sterben nehmen – aber es soll uns auch trösten, wenn wir einen so wichtigen Menschen verloren haben: Unsere Verstorbene, unser Verstorbener hat es jetzt gut bei Gott; wir müssen uns keine Sorgen mehr machen.

Ja, der Ewigkeitssonntag ist durchaus ein wenig wie das Pfeifen im Walde – doch es hat seine volle Berechtigung, denn auch der finsterste Wald wird enden und wir werden wieder die helle Sonne sehen.

Singen hilft! Singen lässt unsere Seele heraustreten, lässt sie wieder freier schwingen. Singen hilft der Seele, sich in die Melodie von Gottes Herrlichkeit ein-zu-schwingen.
Singen schafft Verbindung zwischen Himmel und Erde, schafft Gemeinschaft zwischen den Menschen auf dieser Erde und den Menschen in der Vollendung, lebendige Gemeinschaft mit allen Heiligen und Engeln, die da oben im Chor „Halleluja“ singen:

„Gelobt sei Gott, dessen Liebe stärker ist als der Tod!“

Pfarrer Martin Schuler

2020-11-15

SCHAUansFENSTER

Wenn ich abends spazieren gehe, ertappe ich mich immer wieder dabei: Ich schaue gerne durch erleuchtete Fenster.
Das passiert ganz automatisch. Fenster haben auf mich eine anziehende Wirkung. Sie markieren die Grenze zwischen Innen und Außen, zwischen öffentlichem Raum und privatem Bereich. Im Gegensatz zu den meisten Türen aber, die ebenfalls eine solche Grenze darstellen, lassen Fenster die Sicht frei für neugierige Blicke.
So habe ich bei meinen Spaziergängen bereits unvermutet eine Turnhalle entdeckt, neue Büroräume in der Innenstadt erkundet und eine Katze beim Ballspielen in einem Wohnzimmer beobachtet.

Wem es ebenso geht wie mir, muss sich aber nicht gleich schämen. Denn Fenster haben auch die Funktion der Kommunikation und des Kontakts zur Außenwelt. So gestalten viele Läden, Büros und Privatleute ihre Fenster ganz bewusst und laden damit andere zum Hingucken ein. In der Adventszeit ist das ganz besonders der Fall. Lichterketten, goldene Sterne und Engelgirlanden schmücken die Fenster und ziehen die Blicke der Vorbeigehenden bei Tag und Nacht an.

Auch die Evangelische Erlöserkirche wird zum ersten Advent die Fenster ihres großen Gemeindesaals am Leonrodplatz schmücken: Mit weihnachtliche Verheißungen und Heilsworten aus der Bibel, mit Strophen aus Advents- und Weihnachtsliedern und mit anderen in diese Kirchenzeit passenden Texten. Mit der Aktion SCHAUansFENSTER ruft die Erlöserkirche auch andere Menschen aus Eichstätt und Umgebung auf – Privatleute, Schulen, Kindergärten, Geschäftsleute, Gastronomen und andere –, es ihnen gleichzutun.

Denn gerade im bevorstehenden Corona-Advent, in dem viele Türen verschlossen bleiben und gesellige Adventsfeiern, -konzerte, -märkte und vieles mehr nicht wie gewohnt stattfinden wird, können solche Schaufenster zu Kontaktflächen werden.

Sie können die Adventszeit sichtbar machen in den Häusern und auf den Straßen mit dem, was ihren Kern ausmacht: Mit ihrem Hoffen („Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.“ Jes 9,1), mit ihrem Trost („Seht, die gute Zeit ist nah“ EG 18), und mit ihrer Freude („Du, Tochter Zion, freue Dich sehr, und Du Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, Dein König kommt zu Dir, ein Gerechter und ein Helfer.“ Sach 9,9).
So lassen sich Hoffnung, Trost und Freude in dieser turbulenten Zeit teilen. So kann ein Zeichen der Verbundenheit inmitten einer Zeit der Trennung gesetzt werden.

„SCHAU ans FENSTER!“, empfehle ich Ihnen für die Adventszeit, ganz ungeniert und neugierig, auf dem Weg zur Arbeit, zum Einkaufen oder beim Abendspaziergang.  

Pfarrerin Edina Hilmes

Wer Lust hat mitzumachen:
Ab dem 26. November liegen kalligraphierte / handgeletterte Textvorlagen und wasserlösliche Stifte zur „Ausleihe-to-go“ in der Erlöserkirche, vorderste Bankreihe, bereit. Wer sein Fenster gestaltet bekommen möchte, melden sich im Pfarramt (08421 4416).

2020-10-31

Jesus, ein Revoluzzer…?

„Jesus verkündet Lockerungen beim Feiertagsgebot“ ­– so möchte man die Episode spontan betiteln: Die Jünger Jesu rupfen beim Durchqueren eines reifen Kornfeldes ein paar Ähren für den kleinen Hunger zwischendurch; und ein paar Zeitgenossen werfen den Jüngern sogleich vor, dass sie damit das Ruhegebot am siebten Tag der Woche gebrochen hätten. Jesus hält diesen Vorwurf für völlig übertrieben: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht – und nicht der Mensch um des Sabbats willen“ (Markus-Evangelium 2,23-27). Damit will Jesus wohl sagen: Was ist der ursprüngliche Sinn vom siebten Tag der Woche? Ausruhen und Erholung nach sechs harten Arbeitstagen, klar. Aber doch nicht in Leichenstarre und Friedhofsruhe, die alles verbietet. Das Sabbatgebot hat dienende Funktion, zur Bewahrung und zum Schutz des Lebens.

Erscheint uns sympathisch und lebensnah, dieser Jesus, wie er gegen übereifrige, buchstabentreue Autoritäten trotzig für Freiheit eintritt; fast wie der Reformator Martin Luther, der die Kirche damals von überflüssigem Ballast reinigen wollte. Jesus und Luther – die liberalen Revoluzzer?

Doch Stopp! Der aufmerksame Bibelleser weiß: Andere Gebote verschärft Jesus sogar, zum Beispiel das 5. Gebot: Nicht erst, wer jemanden tötet, macht sich des Gerichts schuldig; sondern schon, wer mit seinen Mitmenschen „zürnt“, sie „Nichtsnutz“ oder „Narr“ nennt, wird schuldig (Matthäus-Evangelium 5,21-22). Bereits der Gedanke, bereits das Wort gebiert Unheil.

Wie passt das nun zusammen – das Lockern einerseits und das Verschärfen andererseits? Die gemeinsame Linie dahinter ist, dass alle Gebote dem Schutz des Lebens und ganz besonders auch der Bewahrung der Gemeinschaft (!) dienen sollen – aus der Erkenntnis heraus: Der einzelne kann nur in der Gemeinschaft über-leben.

Genau darum hat das Gottesvolk Israel nach der Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei die 10 Gebote bekommen, damit sich ihre dunkelsten Erfahrungen niemals wiederholen: Nicht Ausbeutung, Unterdrückung und Willkür sollten herrschen, sondern eine Art früher Rechtstaat sollte die neu gewonnene Freiheit, das Leben und die Gemeinschaft des Gottesvolkes schützen. In dieser uralten jüdischen Tradition sieht sich auch Jesus, wenn er einerseits an der unauflösbaren Grundsätzlichkeit der 10 Gebote festhält, andererseits aber an den Ausführungsbestimmungen feilt – anhand der Leitfrage: Was dient dem Leben?

Ja, manchmal folgen daraus Lockerungen, manchmal aber auch Verschärfungen. Nicht obrigkeitshörigen Gehorsam oder realitätsblinden Egoismus, sondern immer wieder nüchternes Prüfen und Abwägen, dann aber auch innerlich überzeugtes und freiwilliges Bejahen guter Regeln – das können wir bis heute von Jesus lernen. Es geht immer darum, den guten Sinn hinter allen Regeln zu verwirklichen: Die Bewahrung des Lebens in einer guten und solidarischen Gemeinschaft, im Geist der göttlichen Liebe. Solches Bemühen wünsche ich uns allen, quer durch alle Konfessionen, Religionen und Geisteshaltungen.

Pfarrer Martin Schuler

2020-10-04

Der Segen in den Früchten unseres Lebens

In zahlreichen Gärten, auf Terrassen und Balkonen stehen sie – die Hochbeete. Ein Hochbeet  scheint ein tiefes Bedürfnis zu befriedigen, das schon nach der biblischen Schöpfungserzählung im Menschen angelegt ist: die Freude am Gärtnern und am Ernten. Auch ich habe in diesem Frühjahr voller Erwartung Radieschen im Hochbeet ausgesät, Salat und Kräuter gepflanzt. Etwas übers Jahr beim Wachsen und Reifen beobachten zu können, nimmt mich mit hinein in die heilsame Kraft des Jahreskreises.

Die Beschäftigung mit einem Garten oder Hochbeet lehrt Geduld. Wenn ich schließlich einen Salatkopf aus dem eigenen Beet ernten kann, dem ich beim Wachsen zugesehen habe, ist das etwas Besonderes. Das selbstgepflanzte Gemüse erscheint sehr viel wertvoller als das schnell im Laden gekaufte. Und ich merke auch: Wir können ein Stück mitwirken an der Schöpfung Gottes, aber es liegt nicht alles in unserer Hand. Wachsen und Gedeihen sind immer auch etwas, das wir empfangen.

In der Bibel heißt es: Alle gute Gabe kommt von oben herab. (Jakobus 1,17) Das Erntedankfest erinnert daran, den Segen Gottes in allem zu entdecken, was uns an Gutem oder Schönen zukommt. In dem, was wir in unseren Hochbeeten, Gärten und Feldern ernten, aber auch in dem, was wir in unserem persönlichen Leben geerntet haben.

Manchmal fällt es gar nicht leicht, diesen Segen in den Früchten unseres Lebens und Arbeitens zu erkennen. Das Erntedankfest lädt ein, einmal innezuhalten und für sich zu sammeln, wie viele Segensspuren sich auch durch unser Leben ziehen. Wie oft hat Gott Wachsen und Gedeihen gegeben zu dem, was wir angefangen haben, so dass es für uns selbst oder für andere zum Segen geworden ist?

Sicherlich: manches ist in meinem Hochbeet nicht so gut gewachsen wie ich mir das erhofft habe. Gerade in diesem Jahr konnte manche Saat nicht aufgehen, zahlreiche geplante Veranstaltungen und Feste mussten coronabedingt abgesagt werden. Viele Früchte sind kleiner ausgefallen. Einiges ist aber auch unerwartet hervorgesprossen an Kreativität und Hilfsbereitschaft.

Im Falle des Hochbeets kann ich die Früchte, die nicht zur Reife gekommen oder angefault sind, auf den Kompost werfen, damit sie dort für neue Fruchtbarkeit sorgen. Wäre das nicht auch eine Idee für manches, was in diesem Jahr (noch) nicht wachsen konnte?

Pfarrerin Christiane Rabus-Schuler

2020-09-27

Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht,
sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.

Er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf
nach der Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus,
der dem Tode die Macht genommen
und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat.

(2. Timotheus 1,7-10)


Lazarus, komm heraus!

ruft Jesus in dieser krassen Geschichte von der Auferweckung des toten Lazarus, nachzulesen im Evangelium des Tages (Johannes 11,1-45).

Lazarus hört esund kommt tatsächlich heraus, aus seiner finsteren Höhle heraus!

Wie ist das bei uns, wenn wir in unseren Ängsten und Sorgen gefangen sind, gelähmt von so vielen Bedrohungen?

Immer wieder liegen doch auch wir tagelang, monatelang, jahrelang in so einer Art Grabeshöhle… Unsere Stimmung wird verdunkelt durch schlechte Nachrichten, durch Katastrophen, Krankheiten und Todesfälle… Immer wieder fühlt sich unser Leben so an, als ob es in die Sackgasse gerät. Mehr oder weniger wie bei Lazarus, der allein und verlassen in seiner dunklen Grabeshöhle lag…
Alleingelassen von seinem guten Freund Jesus.

Doch bei Lazarus ist das nicht das Ende, hören wir.

Lazarus, komm heraus und lebe! Mit mir! ruft Jesus in die Höhle hinein. Und Lazarus hört es tatsächlich – weil dem Wort Gottes nichts unmöglich ist: es kann Taube wieder hörend machen, es kann Tote wieder lebendig machen, bezeugt die Bibel.

Lazarus hört den Ruf von Jesus, vertraut, steht auf und kommt tatsächlich wieder heraus –  ins Licht, ins Leben, mit neuer Zuversicht und neuer Hoffnung, dass er für immer bei Jesus bleiben darf.

Er weiß: Auch wenn er eines Tages erneut sterben muss, so wird er für immer mit Jesus leben. Und das gibt ihm jeden Tag neuen Mut, neue Perspektive, neue Tatkraft – egal was kommt!

Ich denke, diese eigentlich unfassbare Geschichte vom Lazarus arbeitet mit überdeutlicher Symbolik von Hell und Dunkel, Tod und Leben, Enge und Weite – um auch uns einzuladen, wieder herauszukommen. Auch in deiner größten Not: Verlass dich unbedingt auf Jesus!


Höre sein Wort:
„Ich bin die Auferstehung und das Leben;
wer an  mich glaubt, der wird leben!“

und dann glaube und komm heraus aus deiner Höhle!

Sagt sich so einfach… Es gibt hellere und dunklere Höhlen in unserem Leben; kleinere und tiefere Höhlen… mit Stein vor der Türe, und ohne Stein vor der Türe… kommen wir da wirklich so einfach wieder raus?

Die entscheidende Frage ist dennoch in all diesen Fällen:
Wie gehen wir damit um, wenn unser Leben in solche Sackgassen gerät,
gefühlt oder tatsächlich ohne Auswege?
Verkriechen wir uns noch tiefer in unsere Höhle?
Verschließen wir Augen und Ohren, weil es uns zuviel wird?

Machen wir es wie Maria in der Lazarus-Geschichte, die ihrem guten Freund Jesus nur noch Vorwürfe macht: Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre das nicht passiert! Ich kann dir nicht mehr vertrauen; ich bleib erst mal in meinem Haus, schließ mich ein; und ich weine weiter, ganz allein.

Oder versuchen wir es wie die andere Schwester, Martha, die weiter mit Jesus redet, in Verbindung bleibt und dann endlich das Hoffnungswort Jesu von der Auferstehung hört und Jesus auch jetzt noch vertraut? Gegen alle Erfahrung und gegen allen Augenschein!

Ich denke, das Evangelium will uns mit dieser Episode ermutigen, es der glaubenden Martha und sogar dem Lazarus nach zu tun:

Das Wort Jesu auch in der größten Ausweglosigkeit hören
und fest darauf vertrauen, dass Jesus sogar die Macht des Todes brechen kann… und dann sollen wir wieder auf-stehen, auf-er-stehen!

Wir hören es auch im heutigen Predigttext (2. Timotheus 1,7-10):Jesus hat „dem Tod die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht“.

Ja, das ist nicht immer leicht zu glauben: auch das Leben und Sterben eines Christen bleibt schmerzhaft und kennt immer wieder Totalabstürze, Sackgassen und Höhlen.

Und dennoch: Wir sollen nicht in einem „Geist der Furcht“ und der Verzweiflung verharren, uns weder von eigenen Schicksalsschlägen noch von Corona noch von Krieg und Terror gefangen-nehmen und lähmen lassen, sondernden Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit“ von Gott empfangen und darin besser leben, zuversichtlicher, mit der Überzeugung: Das ist noch nicht das Ende!

Komm heraus aus deiner Höhle, lieber Besucher der Erlöserkirche in Eichstätt!

Jesus kennt auch deinen Namen, ruft auch dich heute noch heraus aus deiner Höhle, weil er dich genauso liebt wie damals seinen Freund Lazarus!

Das Leben im Licht Jesu steht vor unserer Tür.

Ich wünsche uns von Herzen, dass wir richtig reagieren,
wenn wir Jesu Wort hören: Dass wir ihm glauben können
und herauskommen und unvergängliche Zuversicht gewinnen.

Pfarrer Martin Schuler

2020-09-06

Vermessung der Welt

Ob in Balkonien oder doch irgendwo auf einer Reise: Der „Corona-Abstand“ von 1,5 Metern war in diesem Sommer ein wichtiger Maßstab. Auch im Herbst wird er uns erhalten bleiben – nicht nur in unseren Hinterköpfen. In vielen Bereichen wird nach ihm die Welt vermessen werden, um zu entscheiden, wie wir uns in ihr bewegen können.
Um die Vermessung der Welt geht auch in dem gleichnamigen Roman des Schriftstellers Daniel Kehlmann (erschienen 2005). Natürlich ohne den „Corona-Abstand“ von 1,5 Metern. Dafür aber mit den Lebensgeschichten zweier befreundeter „Weltvermesser“: Alexander von Humboldt (1769-1859) und Carl Friedrich Gauß (1777-1855). Der eine ist ein abenteuerlustiger Forschungsreisender, der sich durch Urwälder und Steppen kämpft, Vulkane besteigt und Seeungeheuern begegnet. Der andere ein zurückgezogener Mathematiker und Astronom, der sich am Schreibtisch ins Reich der Zahlen vergräbt, die Flugbahnen von Himmelskörpern berechnet und die erste Telegrafenverbindung der Welt baut. Kurz: Zwei ganz unterschiedliche „Weltvermesser“, zwei ganz unterschiedliche Lebenswege. Im Roman beäugen Humboldt und Gauß einander immer wieder sehr kritisch. Außerdem streiten sie darüber, wer von ihnen wohl weiter in der Welt herumgekommen sei. Über viele Seiten hinweg erscheint Humboldt als der Umtriebigere und auch als der Erfolgreichere der beiden. Am Ende des Romans ist es jedoch Gauß, der mehr mit sich im Reinen zu sein scheint.

Bei Daniel Kehlmann stehen Humboldt und Gauß für ganz unterschiedliche Lebenshaltungen. Aktiv, engagiert, die Welt gestaltend die eine, die andere dagegen zurückgezogen, nachdenkend, forschend. Die Fragen, denen sich die beiden Romanfiguren gegenübersehen – Wie möchte ich auf die Welt zugehen? Wie will ich mich in ihr bewegen? Wie will ich sie für mich vermessen? –, ploppen bis heute in jedem Leben immer wieder auf. Mal lauter, mal leiser. Oft ist die Antwort auch kein starres Entweder-Oder. Oft geht es eher um graduelle Verschiebungen. Darum, welcher Haltung jemand eine Zeit lang mehr Raum geben möchte und welcher Haltung weniger. Ich denke, jene Fragen passen auch zu diesen Tagen, in denen die Ferien- und Urlaubszeit zu Ende geht und der Alltag mit Schule, Arbeit und Co wieder an Fahrt aufnimmt. Vielleicht ist ja auch für Sie jetzt ein guter Moment, um ein wenig darüber nachzusinnen, wie Sie in der nächsten Zeit auf die Welt zugehen, wie Sie sie für sich vermessen wollen.
Egal zu welchem Schluss Sie kommen: Der Anfang von Psalm 37 – „Befiehl dem Herrn Deine Wege“ (Ps 37,1) – ist ein schöner Reisesegen für den Start in Herbst. Es geht wieder los, trotz und mit Corona. Dabei wissen wir natürlich nicht, wohin uns unsere Wege in diesem Herbst führen werden. Aber, so die Verheißung von Psalm 37, wir dürfen darauf vertrauen, dass uns unsere Wege letztlich zum Guten ausgehen.

Pfarrer Christoph Hilmes

2020-08-09

Jesus als fester Grund

Trotz nasser Füße weicht sie kein Stück zur Seite. Und wenn das Waser noch so hoch steigt, dass es um ihre Beine herum nur so braust und brodelt, schlammbraun – auch davon lässt sie sich nicht aus der Ruhe bringen. Sie bleibt felsenfest mit dem Boden verbunden und hat ein breites Kreuz, trotz mancher Altersschwächen… Die Rede ist von der steinernen Brücke über die Altmühl bei Pfünz. Seit Jahrhunderten steht sie da, mit ihren vier Bögen und drei Pfeilern, und hat schon vieles gesehen: Nicht nur Hoch- und Niedrigwasser, nicht nur Kanus unten durch und Radlfahrer oben drüber; sondern auch Katastrophen aller Art, über Jahrhunderte: Missernten, Seuchen, Kriegsheere… Und sie steht immer noch; weil sie fest gegründet ist.

Ach, wie gerne wäre ich ein bisschen mehr wie diese Brücke: Unerschütterlicher, gelassener im Strom der Zeiten. So manchen Ärger, so manche Sorge, so manche Katastrophe könnte ich gleichmütiger über mich ergehen lassen… Dabei haben auch wir Christen eigentlich so ein unerschütterliches Fundament, schreibt der Apostel Paulus im 1. Korintherbrief 3,11: „Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der (schon) gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.“ Durch meinen Glauben (und meine Taufe) bin ich in Christus eingesenkt, habe felsenfesten Grund, auch wenn ich manchmal nasse Füße bekomme. Christus ist es, auf den ich mich in jeder Lebenslage verlassen kann und verlassen soll. ER wird mich über alle Abgründe tragen… Eigentlich!

Ja, eigentlich kenn ich sie gut, diese christliche Hoffnungsbotschaft! Im Kopf ist sie angekommen, abgespeichert – aber nicht immer reicht sie bis ins Herz, bis in die Seele. Wenn mich die Anfechtung und die Zweifel ankriechen wie dichter Nebel über der Altmühl, da reichen oft genug die schönsten Bibelworte nicht mehr… Da brauche ich handfeste, anschauliche Zeichen und Symbole wie ebendiese Brücke bei Pfünz.

Ich wünsche uns allen, liebe Leserinnen und Leser, dass wir immer wieder solche Zeichen und Symbole entdecken, zur Stärkung unseres Glaubens. Gerade in aufgewühlten Zeiten brauchen wir gute Bodenhaftung, tiefe Gründung, damit wir so manchen Abgrund (gelassener) überbrücken können, aber auch in gut christlicher Manier für andere dasein können, die ebenfalls Trost und festen Halt suchen.

Also drandenken, wenn Sie das nächste Mal an der steinernen Brücke bei Pfünz vorbeikommen! Diese Brücke ist nicht nur sehenswert, sondern zugleich auch ein Symbol: Selbst wenn alles schwankt – einen anderen Grund kann niemand legen als den, der in deinem Leben schon gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.

Pfarrer Martin Schuler

2020-08-02

Ferien / Urlaub!!!
Gedanken zum 8. Sonntag nach Trinitatis

Endlich die dunklen Wolken der Belastung wegfallen lassen, den Leistungsdruck, das tägliche Einerlei!
Sonne lässt uns aufleben. Wer ständig im Dunkeln lebt, wird depressiv – das merken wir in den dunklen Monaten des Jahres, wo wir uns nach Sonne sehnen. Jetzt im Urlaub wollen wir die Sonne, die Freiheit und den Schwung des freien Lebens spüren! Zur Sicherheit am liebsten dort, wo die Sonne garantiert ist.
Doch halt – da ist Corona! Schon wieder Zwang – AHA, Abstand Hygiene Atemmaske schränken uns ein.
Plötzlich müssen wir halt machen und können nachdenken über unseren Lebensstil. Wir haben die Gelegenheit, aus dem Hamsterrad des Konsumzwanges herauszutreten und zu überlegen oder zu erkennen: Brauche ich das wirklich? Sind die Ferien vor der Haustür nicht besser? Ist das nicht eine Chance, Zeit für die schönen Dinge um uns herum zu haben, frei zu werden für ein wirklich gutes, nachhaltiges Leben? Entlastet es uns nicht, nicht mehr Getriebener des Zwanges von „immer besser, immer neuer, immer teurer, immer spektakulärer“ sein zu müssen? Stattdessen den Biergarten um die Ecke erkunden, den Fahrtwind auf dem Fahrrad spüren und die Ruhe des Waldes genießen!
Das befreit uns zum Weg zurück zur Freiheit des Christenmenschen, die Gott uns geschenkt hat.
Paulus sagt: „Wandelt als Kinder des Lichts, denn die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit“ (Eph 5,8b.9).
Wenn es in uns hell ist, wird es auch um uns herum hell. Das Licht ist eine kraftvolle Energie. Es bringt Früchte hervor. Was für eine Entlastung! Nicht wir müssen Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit hervorbringen. Sondern das Licht Gottes bewirkt diese Früchte in uns. Wir selbst und die Menschen, mit denen wir zu tun haben, kommen in den Genuss davon. In diesem Zusammenhang ergeht auch der Aufruf im heutigen Wort zur Woche: „Wandelt als Kinder des Lichts!“ Das heißt: „Lebt als Menschen, in denen das Licht Christi brennt.“ Dann wird es auch in Eurer Umgebung hell und heller.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Urlaub!

Dr. Gert-Otto Eckstein, Lektor / Prädikant i.A.

am Ludwig-Donau-Main-Kanal
am Ludwig-Donau-Main-Kanal, ©Walter Huber

2020-07-26

Waldgottesdienst 26. Juli 2020 – „Grün tut gut!“

Stecken, Tannenzapfen, Steine, Rindenstücke, Himbeeren, … – wer mit Kindern im Wald unterwegs ist, hat schnell die Taschen voll mit selbst gesammelten Schätzen. Die für Erwachsene oft wertlosen Fundstücke laden uns aber auch ein, zu staunen: über den Reichtum des Waldes und die vielen kleinen Wunder am Wegrand. Auch im Matthäusevangelium (Mt 6,19-21) lädt Jesus uns ein, noch einmal neu zu bewerten, was wir uns an Schätzen sammeln:
Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, wo sie die Motten und der Rost fressen und wo die Diebe einbrechen und stehlen. Sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo sie weder Motten noch Rost fressen und wo die Diebe nicht einbrechen und stehlen. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.
Sammeln – Gerade die Urlaubszeit ist ja eine Zeit, in der wir gerne etwas sammeln: Muscheln, Fotos, Erinnerungen an schöne Orte, besondere Begegnungen, gutes Essen … Bestimmt haben auch Sie so einen Schatz an früheren Urlaubs- und Ferienerlebnissen, an den wir uns dankbar erinnern können.
In diesem Jahr ist manches nur eingeschränkt oder gar nicht möglich. Manches werden wir vielleicht vermissen. Was sammeln wir in diesem Jahr? Welche Schätze sind uns wirklich wichtig? Welche Ferienmomente bleiben, unabhängig davon, wie viele Kilometer ich von zu Hause entfernt bin?

Hildegard von Bingen jedenfalls empfahl den Menschen, etwas zu sammeln, das auch in diesem Sommer in Fülle vorhanden ist, und das wir heute im Wald besonders wahrnehmen: das Grün.
Allem Grün wohne eine besondere Kraft inne, die sie Grünkraft nannte, auf lat. viriditas. „Es gibt eine Kraft aus der Ewigkeit und diese Kraft ist grün“. – sagte Hildegard von Bingen. Wer sich der Natur zuwendet und das Grün betrachtet und meditiert, der kann diese Kraft in sich aufnehmen.
Diese Grünkraft stärkt die eigenen Kräfte der menschlichen Seele. Denn auch im Inneren des Menschen ruht wie in allen Lebewesen diese schöpferische Grundkraft, die uns immer wieder aufrichtet und neuen Lebensmut gibt. Es ist eine Art Selbstheilungskraft der menschlichen Seele. Was auch immer uns widerfährt in unserem Leben – die Grünkraft in unserem Inneren ist unzerstörbar.

Sammeln wir also heute diese Grünkraft als einen Schatz, der nicht zerstört werden kann. Nehmen wir diese Kraft mit in die nächsten Wochen, die ja einerseits für viele eine ersehnte Auszeit bedeuten von Schule, Hausaufgaben und Arbeit. Wochen, die aber auch mit der Frage belastet sind, wie sich die Corona-Situation weiter entwickeln wird.
Auch wenn manches anders ist in diesen Sommerferien – Gott lädt uns ein, die reichen Schätze seiner Schöpfung zu entdecken und uns daran mit ihm zu erfreuen. Überall hat er seine guten Gaben für uns ausgestreut. Und immer ist die Begegnung mit der Natur auch offen für die Begegnung mit Gott, gerade dort, wo man sich gar nicht bewusst darum bemüht.

Die Schweizer Benediktinerin und Mystikerin Silja Walter erzählt in ihren geistlichen Tagebüchern vom Beeren-Sammeln „Man sammelt dabei nicht nur die Beeren, sondern auch sich selbst.“ – schreibt sie. „Man holt sich neu zusammen an einen inneren Ort.“
Und diese Momente der inneren Sammlung lassen sie einen Jubel des Alltags spüren. Die anderen Gefühle des Alltags, wie Gewöhnlichkeit, Langeweile, Ärger, Müdigkeit, Hetze sind nicht einfach verschwunden, aber mitten in der Gewöhnlichkeit stellt sich auch die besondere Erfahrung ein, ganz in seiner Mitte zu sein.

Ich wünsche uns, dass Gott uns in den vor uns liegenden Ferien- und Urlaubswochen, wo auch immer wir sie verbringen, immer wieder solche besonderen Momente erfahren lässt. Momente, in denen wir die Schätze seiner Schöpfung neu entdecken, Momente, in denen wir neue Kraft schöpfen können und Momente, die uns einen inneren Jubel und unsere Verbindung mit uns selbst und mit Gott spüren lassen.
AMEN.

Segen für die Ferienzeit:

Geh mit Gottes Segen.
Er halte schützend seine Hand über dir,
bewahre deine Gesundheit und dein Leben
und öffne dir Augen und Ohren
für die Wunder der Welt.

Er schenke dir Zeit,
zu verweilen, wo es deiner Seele bekommt.
Er schenke dir Muße,
zu schauen, was deinen Augen wohltut.
Er schenke dir Brücken,
wo der Weg zu enden scheint
und Menschen,
die dir in Frieden Herberge gewähren.
Der Herr segne,
die dich begleiten und dir begegnen.

Er halte Streit und Übles fern von dir.
Er mache dein Herz froh, deinen Blick weit
und deine Füße stark.

Der Herr bewahre dich und uns
und schenke uns
ein glückliches Wiedersehen.

(Gerhard Engelsberger)

2020-07-19

Einfach da sein

Dem Mann, von dem ich jetzt schreibe, bin ich persönlich nie begegnet. Ich habe nur ein paar Zeilen über ihn gelesen, im Blog eines Pfarrers vom Bodensee. Doch diese paar Zeilen hatten es in sich. Als der Pfarrer von dem besagten Mann schreibt, ist dieser bereits verstorben, und der Pfarrer hat ihn vor kurzem beerdigt. Der Pfarrer beschreibt den Verstorbenen als einen „außerordentlich feinen, von einer inneren Frömmigkeit ergriffenen [und] mit einem einfühlsamen Herzen ausgestatteten Mann“. Man erfährt indessen nicht, auf welche Art der Mann sein Leben zugebracht hat – welchem Beruf er etwa nachgegangen ist, ob er Familie gehabt hat oder ob er alt geworden ist. Aber man erfährt, dass der Mann gegen Ende seines Lebens einen großen Kummer hatte: Es bedrückte ihn, nur einfach so sein Leben gelebt und nicht wirklich etwas Großes geleistet zu haben. Einen Satz, den dieser Mann wohl des Öfteren sagte, hat der Pfarrer notiert. Der Satz lautet: „Es ist schade, nur ‚einfach so‘ hier gewesen [sich] zu sein“. Mir sind diese Worte lange nachgegangen. Ich fand den Tonfall bedrückend. Obwohl ich nichts über dieses Leben wusste, war ich traurig. Denn ich hatte den Eindruck, dass hier einer sein Leben in übertriebener Weise abwertet.

Zu einer Frau, der ich tatsächlich begegnet bin: Diese Frau und jener Mann kennen einander nicht. Trotzdem bilden sie für mich eine Art Paar. Eines Tages hat die Frau – ich weiß nicht mehr, bei welcher Gelegenheit – davon erzählt, wie sie jeden Morgen aufsteht. Und das geht so: Nach dem Aufwachen verbringt die Frau noch ein paar stille Minuten auf der Bettkante. Sie will einfach nur im Moment sein. Sie will spüren, dass sie da ist. Zu diesen Minuten gehört für die Frau auch ein Gebet. In diesem Gebet dankt sie Gott für den neuen Tag, der vor ihr liegt und den sie als Geschenk annehmen möchte. Erst dann steht sie wirklich auf, wirft einen ersten Blick aus dem Fenster und geht ins Bad. Für diese morgendlichen Momente auf der Bettkante hatte die Frau eine ganze eigene Beschreibung: Sie sagte, sie vergewissere sich der Bühne, auf der ihr Leben spielt.

„Es ist schade, nur ‚einfach so‘ hier gewesen zu sein“. Ich weiß nicht, was den eingangs erwähnten Mann zu dieser Einschätzung gebracht hat. Ich möchte auch keine Mutmaßungen über etwaige Gründe anstellen. Ich glaube aber, dass man sehr leicht in solch eine selbst abwertende Haltung hineinrutschen kann und dass es umso schwerer ist, sich von dieser wieder zu lösen.
„Es ist schön, nur ‚einfach so‘ hier gewesen zu sein“. So könnte vielleicht die Frau sprechen, wenn sie am Abend auf den Tag zurückblickt, der für sie nicht nur eine Aufgabe war, sondern vor allem ein Geschenk Gottes.
Einfach da sein und sich darüber freuen können – das wünsche ich uns allen.


Der Blog des Kollegen findet sich im Internet unter: https://tagebucheineslandpfarrers.wordpress.com (Beiträge bis Januar 2018 abrufbar).


Pfarrer Christoph Hilmes