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Impuls 2023-05-28

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Was können wir wahr-nehmen?

Ich beneide wirklich alle, die eindeutig erkennen, was wahr ist und was falsch. Mir sind in meinem Leben eher selten „einfache Wahrheiten“ begegnet. Das meiste, was ich wahrnehme, ist durchwachsen. Ich teile von daher die Annahme, dass ich die Welt meistens nur durch eine trübe Linse, wie durch eine ungeputzte Brille wahrnehme; selten, wie sie wirklich ist; eher näherungsweise, gebrochen, wie sie wahrscheinlich ist; als Interpretationsleistung meines Gehirns, das die Einzelinformationen der Sinne zu einem Gesamtbild zusammen-fügt, manchmal auch zusammen-reimt.

Das hat auch der Apostel Paulus schon erkannt: Dass wir im diesseitigen Leben nur wie durch einen trüben Spiegel erkennen (vgl. 1. Korinther 13,12a). Doch es gibt einen Hoffnungsstreif. An Pfingsten hören wir: Jesus gibt uns den Heiligen Geist, der auch „Geist der Wahrheit“ heißt (vgl. Johannes 14,17). Dieser Geist soll uns lehren, unsere Welt ein Stückchen mehr durch die Augen Gottes zu sehen, der per Definition der Einzige ist, der den vollen Durchblick hat.

Durch den Heiligen Geist gewinnen wir Anteil am Durchblick Gottes. Man könnte auch sagen: Der Heilige Geist ist wie ein „Linsenputzer“! Er putzt immer wieder unsere trüben Linsen, lässt uns in Umrissen jetzt schon erkennen, was uns in Gänze für das große Finale verheißen ist. Erst nach unserem leiblichen Tod werden wir die ganze Wahrheit sehen.

Bis dahin bleiben uns „Glaube, Hoffnung, Liebe, (…) aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ sagt Paulus (1. Korinther 13,12f). Wo immer wir Liebe spüren, empfangen oder weitergeben, uns selbst und andere in Liebe wahrnehmen, da kommen wir der Wahrheit besonders nahe. Genauer noch: Wo wir gütig, gnädig, liebevoll sind, ehrlich, bescheiden, verzeihend – da kommen wir der Wahrheit Gottes, die sich am meisten in der Liebe zeigt, am nächsten, enthüllen die johanneischen Schriften unserer Bibel.

Die Erleuchtung ist freilich nur ein kurzer Geistesblitz! Aber wo wir Gott im hörenden Gebet um seinen Geist bitten, wo wir uns von ihm korrigieren lassen, da erschließt sich wenigstens ein Fünkchen Wahrheit. Bevor wir Christen uns jedoch nur noch auf innere Eingebungen berufen, weise ich im Gefolge Martin Luther auf ein wichtiges erkenntnis-theoretisches Korrektiv hin, das uns von Gott gegeben ist: die Bibel! Die Worte der Bibel geben Orientierungspunkte und Prüffragen auf der Suche nach Wahrheitsmomenten in unserem Leben. In diesem Sinne wünsche ich geist-reiche Pfingsten, zur Erweiterung unseres Horizontes!

Pfarrer Martin Schuler