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Impuls 2022-08-28

  • von

Freiheit aushalten!

Provokantes Schild an einer Treuchtlinger Hofausfahrt

Freiheit – immer wieder erträumt und postuliert, aber im Detail doch knifflig: Wieviel Freiheit brauchen wir, wieviel Freiheit darf (nicht) sein? Solche überaus menschliche Verunsicherung kennt auch der Apostel Paulus. Vor 2000 Jahren standen die bunt zusammengewürfelten Gemeinden aus (altgläubigen) Juden und (neugetauften) Heiden vor der Streitfrage: Welche alt-überlieferten Traditionen, Gesetze und Ordnungen müssen bewahrt werden, aber auch wieviel Aufbruch, Freiheit oder Neuregelung brauchen wir, damit wir eine gute Gemeinschaft sein können?

Für manche von uns ungewohnt tut sich Paulus als Kämpfer für Offenheit hervor: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit. So steht fest und lasst euch nicht wieder unters Joch des Gesetzes zwängen.“ (Galaterbrief 5,1) Paulus ist in der Nachfolge Jesu überzeugt: Als Christen müssen uns nicht mehr anstrengen, durch blinde Einhaltung von tausend Gesetzen unseren Gott gnädig zu stimmen… Solchen Formalismus hat Jesus aufgehoben. Für uns Christen gelten nur noch das Doppelgebot der Liebe (Gott lieben und den Nächsten lieben!) und die Zehn Gebote. Diese Mindestgebote sollen das Leben schützen und fördern; dazu engen sie die Freiheit des Einzelnen ein wenig ein, um das Wohlergehen und die Freiheit aller zu sichern.

Innerhalb dieser Grenzen tut sich aber ein großer Raum der Freiheit auf, den wir aktiv und kreativ „beleben“ sollen. Genauer noch: Der Heilige Geist soll das in uns bewirken. Von überflüssiger Einengung befreit lässt der Heilige Geist endlich gute Lebenszeit, Freude, Kreativität, aber auch Gemeinschaftsgeist in uns entstehen, so die Überzeugung des Paulus. Da erblühen ganz von selber gute Werke – weil wir unsere Zeit nicht mehr für sinnlose Gesetze vertun, sondern endlich Augen und Ohren sowie Herzen und Hände für unsere Mitmenschen und ihre Bedürfnisse haben und uns auf das konzentrieren, was wirklich nötig ist zu tun.

„Freiheit Tag und Nacht aushalten!“ Ich glaube, das muss uns Christen bis heute immer wieder gesagt werden, im kirchlichen aber auch im weltlichen Bereich. Jesus, der Reformer, hat euch Freiheit von überflüssigen (!) Ordnungen verschafft. Darum prüft immer wieder, wie viele Gesetze ihr wirklich braucht. Widersteht der Versuchung, immer gleich alles einzuhegen. Sondern haltet die neu gewonnene Freiheit aus und macht was Gutes daraus, für euch und eure Mitmenschen – mit Herz und Hand. Dazu helfe uns Gott, durch seinen schöpferischen Geist! Darum lasst uns Tag und Nacht beten.

Pfarrer Martin Schuler