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Impuls 2022-05-22

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Unverschämtes Klopfen?!

Mitternacht. Alles schläft. Plötzlich Klopfen an der Tür. Zunächst zaghaft. Dann stärker. Wer mag das sein? Noch stärkeres Klopfen. Unverschämt! Bevor die Kinder noch wachwerden, gehe ich mal nachschauen, in Gottes Namen! „Bei aller Freundschaft, was willst du, mitten in der Nacht?“ – „Lieber Freund, leih mir drei Brote; denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann.“

Mit dieser surrealen Beispielgeschichte (Lukas 11,5-8) ermutigt Jesus uns zum Beten – zum mutigen, ausdauernden, nicht nachlassenden Bitten, ja regelrechten Bedrängen Gottes: Hilf du mir in meiner Not! „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.“, sagt Jesus weiter (Lk 11, 9) und empfiehlt uns, Gott als allerbesten Freund, als allerbeste Freundin zu sehen, zu dem/der man immer kommen kann, auch unverschämt spät.

Manchmal dauert es, bis der Freund das Klopfen erhört, vielleicht murrt er ob der frühen Stunde… doch schließlich kommt die Geschichte an ihr gutes Ende: „So wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, so viel er bedarf.“ (Lk 11,8) Eine wunderbare Verheißung, die uns Christen Mut geben soll, wenn wir verzagen, mutlos werden. Lasst nicht nach, bittet, suchet, klopfet an – so wird euch gegeben, so werdet ihr finden, so wird euch die Türe aufgetan!

Nach meiner Lebens- und Glaubenserfahrung öffnet uns Gott öfter Türen, als wir meinen. Manchmal andere Türen als die, wo wir klopfen. Manchmal sind es vertraute Gesichter, die uns helfen – immer wieder aber auch Menschen, von denen wir es nie erwartet hätten, die wir gar nicht kennen; sie helfen uns überraschend, öffnen uns Türen zu ihrem Herzen, schenken uns Vertrauen, aus heiterem Himmel. Aus dem heiteren Himmel Gottes, würde ich präzisieren. Seine Gnade, sein Geist geht oft genug unergründliche Wege, die unsere Erwartungen, unseren Verstand übersteigen – doch uns soll geholfen werden, mit väterlicher, mütterlicher, freundschaftlicher Güte und Großzügigkeit. In Gottes Namen, im wahrsten Sinne des Wortes! Im Namen Jesu, unseres Bruders, der es in seinem Erdendasein selber erlebt hat, wie steinig der Lebensweg sein kann, wie dieser Weg nach menschlichen Maßstäben, nach unseren Erwartungen auch scheitern kann.

Doch aufgeben gilt nicht! Spätestens seit Ostern, seit der Auferstehung Jesu, zeigt sich in unverhüllter Klarheit: Auch Gott gibt nicht auf, gibt uns Menschen nicht auf, sondern fördert das Leben mit allem, was wir in unserem tiefsten Kern brauchen: Ein Leben in Liebe, mit einem Gegenüber, ein Leben in guten Beziehungen. Gott will das erste Gegenüber von uns sein, war und ist es eigentlich immer schon, seit unserer Erschaffung, seit unserer Geburt! Und so lässt er uns wie ein guter Vater und wie der allerbeste Freund nicht im Stich, wenn wir ihn bitten. „Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten! (Lk 11,11-13)

Solches Gottesvertrauen möchte ich haben, wie der Beter von Psalm 66,22: „Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft noch seine Güte von mir wendet.“ Aber ich ahne: Es liegt auch an mir, Gottes Güte, seine sich öffnenden Türen wahrzunehmen und anzunehmen. „Suchet, so werdet ihr finden“, heißt die Aufforderung zwischen „Bittet!“ und „Klopfet an!“ Darum bitte ich zuerst um offene Augen und dass Gott mir so manche Träne trocknet, damit ich klarer sehen kann.

Pfarrer Martin Schuler