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Impuls 2022-05-07

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Unerschöpfliche Energie!

Wie lieblich ist der Maien aus lauter Gottesgüt; des sich die Menschen freuen, weil alles grünt und blüht. Die Tier sieht man jetzt springen mit Lust auf grüner Weid; die Vöglein hört man singen, die loben Gott mit Freud. (Evangelisches Gesangbuch, Nr. 501)

Im Mai fällt es ungeheuer leicht, Gott zu loben: Da reißt uns das frische Grün und der Blütenduft mit, Sonnenschein, Frühlingsgefühle… Doch der Verstand protestiert in diesen Tagen, wo ein so brutaler Krieg herrscht: Darf man da wirklich Gott loben, sich an der Schöpfung freuen?

Doch, gerade jetzt sollt ihr Gottes Schöpfung bestaunen und dahinter seine große Güte und Barmherzigkeit erkennen! So höre ich biblische Psalmen und auch die beiden Schöpfungsberichte (Genesis 1-2) entgegnen. Viele dieser Texte sind gerade dann entstanden, als das Volk Israel ganz am Boden lag: Jerusalem in Schutt und Asche, nach Eroberung und Zerstörung durch die Babylonier. Es war ein brutaler und rücksichtsloser Vernichtungskrieg, den die Israeliten miterleben mussten.

Zunächst fielen sie in eine tiefe Glaubenskrise: Waren die Götter Babylons vielleicht doch stärker? Doch dann haben sich die Israeliten auf die jahrhundertelangen guten Erfahrungen mit ihrem Gott, dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs besonnen und die Vorläufer des heutigen Alten Testaments formuliert. Ausgerechnet in ihrer größten Krise haben sie ihren Glauben weiterentwickelt und wunderschöne Loblieder verschriftlicht – in der Überzeugung, dass ihr Gott größer und stärker als das Böse ist. Fern der alten Gewissheiten erkannten sie ihren Gott als den einzigen, allmächtigen und barmherzigen Schöpfer des Himmels und der Erde.

Dies ist freilich der Endpunkt eines längeren Prozesses gewesen: Im Exil waren die Israeliten so stark wie niemals zuvor gezwungen, sich mit den anderen altorientalischen Göttern auseinanderzusetzen. In zwei Schöpfungsliedern (Genesis 1-2) haben sie diese schließlich entzaubert. Sonne und Mond, im alten Orient als Gottheiten verehrt – nur Lampen, die der Gott Israels an den Himmel gehängt hat. Die Sterne – nur Geschöpfe des einen, wahren Gottes. ER, der Gott Israels war es, der das lebensfeindliche Chaos, das Urmeer am Anfang zurückgedrängt hat und das Festland zu grünen Inseln des Lebens erschaffen hat; der verlässliche Strukturen wie Tag und Nacht eingeführt hat, damit Pflanzen, Tiere und Menschen sich auf dieser Erde ernähren, fortpflanzen und in Gemeinschaft leben können. Seht die gut geordnete Schöpfung, dann seht ihr Gottes Einsatz für das Leben!

Eine unsagbar große Selbstüberwindung der Israeliten, dass sie ausgerechnet in ihrer dunkelsten Stunde einen so starken Glauben an den guten Schöpfergott formulieren konnten! Wir Christen glauben, dass dieser Schöpfergott an Ostern Jesus Christus von den Toten auferweckt hat und damit auch unser Gott ist, der Vater Jesu Christi. Von daher kann, ja muss man sagen: Auch heutzutage, wenn wir Christen uns von Gewalt, Ungerechtigkeit, Finsternis bedroht fühlen – gerade dann sollen wir mit wachen Sinnen die Natur betrachten, ihre unzerstörbare Energie zum Wiederauferstehen. Wir sollen uns aufrichten und erfreuen lassen von grünen Auen, blühenden Bäumen und singenden Vögeln. Und dahinter die wunderbare Macht und Barmherzigkeit unseres Gottes erkennen, der das Licht geschaffen hat und weiter gegen die dunklen Mächte verteidigt – unabhängig davon, ob wir Menschen es verdienen oder nicht. Ich wünsche uns allen einen lieblichen Mai und einen starken Glauben!

Pfarrer Martin Schuler