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Impuls 2022-04-24

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Kind Gottes, wie schaust du denn aus?

Wieder einige Schrammen, Risse und Brüche mehr! Die vom Frost ramponierte Brunnenfigur im Eichstätter Hofgarten wird mir derzeit zum Sinnbild für so viele Menschen, denen in den vergangenen Monaten einfach zu viel zugemutet worden ist. Corona, Krieg, Konflikte im Beruf, familiäre Abgründe, ungewisse Zukunftsperspektiven hinterlassen deutliche Spuren an Leib und Seele. Nicht immer so sichtbar wie an einer Steinfigur, aber doch spürbar, belastend in vielerlei Hinsicht! Kann das jemals wieder heil werden?

„Wie neugeborene Kinder“ sollen wir Christen sein, wenn wir uns auf den Namen des Auferstandenen taufen lassen, verheißt der erste Sonntag nach Ostern mit dem lateinischen Namen „Quasimodogeniti“. Er wird auch „weißer“ Sonntag genannt. Denn in der altkirchlichen Tradition legten die in der Osternacht getauften Christen ihre weißen Taufkleider an diesem Sonntag wieder ab. Nun stellt sich damals wie heute die Frage: Was bleibt von der lebensverändernden Kraft der Taufe, wenn die Feier vorbei ist?

Die Bibel sagt: Wir bleiben innerlich „Gottes Kinder“ (1. Joh 3,2), „Kinder des Lichts“ (Eph 5,8), selbst wenn äußerlich nichts mehr darauf hindeutet. Auch ohne weißes Taufkleid gilt: Der Heilige Geist, den wir bei unserer Taufe empfangen, nimmt uns hinein in die Sphäre des auferstandenen Jesus Christus, in sein Licht der Liebe, birgt uns und treibt uns voran, seiner Herrlichkeit entgegen (vgl. Röm 8,14-17 und 1. Joh 3-4).

Im 1. Petrusbrief 1,3-5 heißt es entsprechend: „Gelobt sei Gott (…), der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten, zu einem unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbe, das aufbewahrt wird im Himmel für euch.“

Ja, durch deine Taufe wird nicht alles plötzlich wieder heil; so manche Narbe wird bleiben, solange du auf dieser Erde lebst, wie auch der auferstandene Christus noch die Narben der Kreuzigung trug – aber du lebst als getauftes Gotteskind fortan im Licht der Auferstehung. So hab Geduld, einst wirst auch du vollkommen verwandelt, innerlich wie äußerlich nach dem Vorbild Christi. „Unser Bürgerrecht aber ist im Himmel; woher wir auch erwarten den Heiland, den Herrn Jesus Christus, der unsern geringen Leib verwandeln wird, dass er gleich werde seinem verherrlichten Leibe.“ (Phil 3,20)

Als Christen haben wir die doppelte Staatsbürgerschaft: Äußerlich gehören wir immer noch der alten, endlichen Welt an – innerlich dürfen wir schon in der neuen, kommenden, unendlichen Welt Gottes atmen und unsere Wunden von der Auferstehungssonne bescheinen lassen, mit der Hoffnung, dass sie nicht ewig bluten werden. Diese Perspektive schafft jetzt schon einen Hoffnungsraum, in dem unser Leben auch ramponiert weitergehen kann, mit zunehmendem Segen!

So ähnlich ist das an sonnigen Frühlingstagen auch an der ramponierten Brunnenfigur im Hofgarten zu beobachten: Gottes warme Sonnenstrahlen geben der grauen Gestalt neue Lebendigkeit, vertreiben die frostigen und dunklen Winternächte. Und so kann das Gotteskind inmitten eines aufblühenden Gartens mit neuer Zuversicht zum Himmel schauen und sein Abendgebet sprechen: „Ich liege und schlafe ganz mit Frieden; denn allein du, HERR, hilfst mir, dass ich sicher wohne.“ (Ps 4,9)

Solches Gottesvertrauen wünsche ich uns allen: Selbst wenn ich mich äußerlich vielfach angegriffen sehe – innerlich fühle ich mich absolut geborgen, kann wieder ruhig schlafen, weil meine Seele in Gott sicher wohnen darf. Für immer.

Pfarrer Martin Schuler