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Impuls 2022-04-10

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Riss im Alltag

Trotz Ukraine-Krieg und trotz Corona: Wer mag, kann wieder in die Kneipe gehen und bald wohl auch in den Biergarten. Daher möchte ich heute eine kleine „Kneipen-Geschichte“ zum Besten geben.
Also: Am Tresen in der Kneipe, ich möchte zahlen. Zufällig geht mein Blick in die Küche und bleibt hängen – an einem Kreuz. Klein und unscheinbar, irgendwo hinter dem Herd, über einer Tür. Ich bin überrascht. Und irgendwie berührt es mich auch, dass mitten im Trubel einer Gastro-Küche ein Kreuz hängt.
Wer hat das Kreuz aufgehängt?
Am ehesten wohl jemand, der dort das Sagen hat. Also die Chefin. Der Koch. Oder irgendein Vorfahre der Chefin – die Kneipe hat eine lange Tradition. Wer auch immer es war: Dieser jemand hat für sich in seinem Alltag ein Zeichen gesetzt. Er hat für sich einen besonderen Ort geschaffen. Vielleicht um sich daran zu erinnern, dass Gott auch zwischen den Töpfen und Pfannen mit dabei ist. Oder als Ruhepol, zu dem sich aufblicken lässt, wann immer es hoch hergeht.
Was denken die, die in der Kneipe arbeiten, über das Kreuz?
Die Chefin hat wahrscheinlich niemanden gefragt, ob es da hängen soll. Vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist es sicherlich egal. Falls sie es überhaupt noch sehen (können), wenn sie mit vollen Tellern durch die Küche balancieren. Aber vielleicht tut es manchen ja auch gut, ein Kreuz in ihrem Rücken zu wissen. Sozusagen als eine Art Mutmacher.
Was ist schließlich mit den Gästen, die, so wie ich, kurz am Tresen Station machen?
Vielen von ihnen dürfte das Kreuz ebenfalls herzlich egal sein. So sie es überhaupt schon entdeckt haben. Ohne Weiteres lässt sich nämlich nicht in die Küche spitzen – die Türe dorthin schwingt rasch auf und zu. Auch ich hatte das Kreuz zuvor noch nie wahrgenommen. Als ich es nun an jenem Abend entdecke, bin ich, wie gesagt, überrascht. Denn ich hätte in dieser Küche kein Kreuz vermutet.
In der Rückschau erscheint mir das Kreuz dort wie ein Riss – wie ein Riss, in dem kurz eine andere Wirklichkeit aufblitzt. Diese andere Wirklichkeit ist in unseren Alltag mit hineingewoben. Ab und an blitzt sie jedoch in besonderer Weise auf. Wenn es Sie nach den Aprilschauern hinauszieht – ins Grüne, in den Biergarten, sonst wohin –, dann seien Sie gespannt, was für Risse es bei Ihnen im Alltag gibt! Und da dies heute mein letzter Text für den Eichstätter Kurier vor dem Wechsel ins Dekanat Landshut ist: Bleiben Sie behütet!

Pfarrer Christoph Hilmes