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Impuls 2022-03-27

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Pazifismus ade?

Als ehemaliger Wehrdienstverweigerer/Zivildienstleistender des Jahres 1997/98 komme ich seit vier Wochen massiv ins Grübeln über meinen damaligen Radikal-Pazifismus: „Frieden schaffen ohne Waffen“? Absolute Passivität, selbst im Angesicht eines brutalsten Angriffs? Reicht es, als Christ nur die „Gesinnung“ der Bergpredigt Jesu (Matthäus Kap. 5-7) zu verteidigen: „Selig/gesegnet sind die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen. Selig sind, die um der Gerechtigkeit verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich. (…) Und wenn dich einer auf die rechte Backe schlägt, biete ihm auch die andere dar.“

Man „rationalisiert“ diese Forderung nach Gewaltverzicht gemeinhin mit der inneren Stärke, die der Angegriffene der äußeren Stärke des Angreifers entgegensetzt. Durch das Irritationsmoment der scheinbaren Passivität würde der Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt/Rache unterbrochen. Das soll deeskalieren. Jedoch: Klappt das wirklich immer? Das Risiko, dass man plattgemacht wird, bleibt. Ehrlicherweise muss man auch sagen: Unter dem atomaren Schutzschirm der NATO und speziell der USA tut man sich leicht, den Dienst an der Waffe „verweigern“.

Als Bürger Europas denke ich mittlerweile, die früheren Bundeskanzler Schmidt und Kohl hatten wohl leider recht: Natürlich muss Verhandlung immer Vorrang haben. Allerdings: Auf Augenhöhe mit dem andern verhandeln kann man nur, wenn man selber so stark/wehrhaft ist, dass der andere keine Alternative zum Verhandeln hat. Ja, der Besitz von Waffen birgt ein hohes Risiko, dass man sie unbedacht einsetzt; und trotzdem scheint gegenüber hyper-gewalttätigen Diktatoren mitunter ernsthafte Abschreckung nötig zu sein.

Ist der Pazifismus damit überholt, als naiv entlarvt? Muss der alte Idealismus einem neuen Realismus weichen? Mitnichten, meine ich als Christ: Im Gleichgewicht der Abschreckung braucht es nach wie vor die eindeutige Stimme des Pazifismus, um eine Militarisierung Europas und einen leichtfertigen Einstieg in einen heißen Krieg zu verhindern. Maß-halten gilt nach wie vor.

Doch es ist und bleibt ein Dilemma für jeden Christen, der ja auch Bürger eines Staates ist: Was tun und was lassen? Der von Max Weber formulierte Gegensatz von „Gesinnungsethik“ und „Verantwortungsethik“ lässt nicht ruhig schlafen: Reicht es, nur meine Ideale hochzuhalten oder muss ich auch auf die Folgen schauen?

Ich denke, sowohl-als-auch. Und so plädiere ich für einen „wehrhaften“ Pazifismus, der einerseits innere wie äußere Stärke/Abschreckung zeigt, andererseits sich sehr deutlich für Frieden/Verhandlungen mit allen Beteiligten einsetzt – selbst wenn das mitunter „schmutzige“ Kompromisse mit einschließt, damit endlich Frieden kommt und das Zerstören und Töten aufhört! Dieses Schuldigwerden (inklusive der Bitte um Vergebung) gehört wohl für jeden Christen dazu. Denn Gott will den Schutz des Lebens, heißt es in der Bibel.

Und zugleich brauchen wir absoluten Glauben daran, dass sich am Ende Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit durchsetzen, von Gott durchgesetzt werden. Das Ringen um die rechte Auslegung von Gottes Geboten verheißt also Segen, hören wir in Psalm 1:
„Wohl“ dem, der „Lust“ hat „am Wort des Herrn und sinnt über seinem Wort Tag und Nacht! Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht. Und was er macht, das gerät wohl. Aber so sind die Gottlosen nicht, sondern wie Spreu, die der Wind verstreut.“ Gott sei gedankt, für diese Klarheit!

Pfarrer Martin Schuler