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Impuls 2022-02-26

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Ganz anders

Am Donnerstag sind wir alle ,,in einer anderen Welt aufgewacht“. So hat die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock die Lage nach der russischen Invasion in der Ukraine zusammengefasst. Ich hatte an diesem Vormittag die Andacht für heute schreiben wollen, über Rollenwechsel im Fasching. Doch von diesem Ansinnen ist nur mehr der Titel übrig geblieben: ,,Ganz anders“. Statt dessen habe ich versucht zu skizzieren, was die biblische Überlieferung über den Frieden zu sagen hat. Zugegeben: Die Bücher der Bibel stecken oft voller Gewalt, angefangen von Kains Brudermord bis zum Tod Jesu am Kreuz. Doch die Bibel ist mitnichten ein gewaltverherrlichendes Buch. Viele der Menschen, die ihre Erfahrungen mit Gott in die biblischen Texte eingeschrieben haben, haben in ihrem Leben selbst Gewalt erlitten. In ihrem Heimatland Palästina überschnitten sich die Einflusssphären verschiedener antiker Großmächte wie Ägypten , Babylon oder Rom. Diese Großmächte überzogen Palästina wechselseitig mit Krieg und machten es zur Provinz ihres jeweiligen Reiches. Für die Menschen, die in der Bibel ihre Spuren hinterlassen haben, war Frieden also keine Selbstverständlichkeit. Frieden war für sie auch nichts Menschengemachtes. Vielmehr sahen sie im Frieden etwas, das Gott schafft und durchsetzt, auch gegenüber vermeintlichen Großmächten und Aggressoren. Die eindrücklichste Beschrei­ bung dieses von Gott gewirkten Friedens findet sich, nahezu wortgleich, beim Propheten Jesaja (Jes 2,4) und beim Propheten Micha (Micha 4,3): Er [Gott] wird richten unter den Nationen  und zurechtweisen viele Völker. Da. Warden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen“ (zitiert nach dem Jesajabuch).

Wahrer Frieden als ein Geschenk Gottes – dieser Gedanke taucht in der Bibel immer wieder auf, sowohl im Alten wie im Neuen Testament. Aber das ist noch nicht alles. Auch wenn Frieden eine Gabe Gottes ist, so bleibt Frieden laut der biblischen Überlieferung trotzdem immer auch Aufgabe und Auftrag für uns Menschen.

In der Bergpredigt etwa radikalisiert Jesus das Gebot der Nächstenliebe und sagt: „Liebt eure Feinde und bittet für die, die Euch verfolgen“ (Mt 5,44). Und der Apostel Paulus schreibt der christlichen Gemeinde von Rom ins Stammbuch: ,.Ist’s möglich, soviel an Euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden“ (Röm 2,18). Das klingt deutlich alltagstauglicher als die Forderung Jesu aus der Bergpredigt. Aber schon an dem verschwurbelten Satzanfang wird deutlich: Miteinander Frieden haben, das ist schon im ganz normalen Alltag ein schwieriges Unterfangen.

Doch zurück zum Anfang, zur anderen Welt, in der wir seit Donnerstag leben: Es ist nicht absehbar, welchen Verlauf die Geschehnisse in der Ukraine nehmen werden. Aber lassen Sie uns allem Krieg in der Welt zum Trotz, eine Sache nicht vergessen: Frieden beginnt immer zwischen einzelnen Menschen. Auch wir haben ihn mit in der Hand.

Pfarrer Christoph Hilmes