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Impuls 2021-12-05

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Licht für unsere Schatten!

„Nicht schon wieder eine Gruselgeschichte!“, schreit die Schülerin zornig. Seit Halloween musste sie jede Woche eine Gruselgeschichte in Deutsch schreiben, mittlerweile schon zum dritten Mal. „Na prima“, denke ich. Mitten im düsteren November und Dezember, wo so viele Menschen immer noch oder schon wieder unter den sozialen und psychischen Folgen von Corona leiden, sind Gruselgeschichten ja genau das Richtige. „Mir fällt auch schon gar nichts mehr ein“, klagt die Schülerin weiter.

Kurz, aber wirklich nur kurz liegt mir auf der Zunge: „Schreib einfach was über Corona, dann hast du deine Gruselgeschichte: Überfüllte Intensivstationen, überfüllte Krematorien. Musst du nur aus der Zeitung abschreiben.“ Nein, widerspreche ich mir innerlich, man sollte in diesen Zeiten lieber Hoffnungsgeschichten schreiben! Inspirationen dazu gibt es reichlich in der Bibel.

„Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“, ruft uns der Evangelist Lukas (Kap. 21,18) zum zweiten Adventssonntag zu. Ich stelle mir das ganz bildlich vor: Alle, die mit gesenktem Blick nur noch die dunklen Schatten auf dem Boden sehen, sollen wieder nach oben schauen, zum Himmel, zur Sonne, zum Licht – weil nur von dort die Erlösung beginnen kann, die Überwindung der dunklen Mächte durch das Licht.

Irritierenderweise beginnt Lukas seine Hoffnungsgeschichte in Kapitel 2 aber gar nicht so triumphalistisch, sondern ganz simpel mit einen neugeborenen Kind in der Krippe, in dem alle Heilung der Welt liegen soll. Im hintersten Winkel der Welt bricht ein neuartiges Hoffnungslicht hervor, von Gott selber, könnte man unter Berufung auf den Evangelisten Johannes (Kap. 1) auch sagen. Und dieses göttliche Licht mit all seiner Herrlichkeit soll uns keine Angst einjagen, sondern mit Liebe, Mitgefühl und Zuversicht erfüllen. Denn das Licht, Gott selber, erscheint in der Gestalt eines Säuglings, der gerade durch seine Zartheit und Schwachheit die Macht hat, die Herzen aller, die ihn erblicken, zum Guten zu verwandeln.

Ja, noch ist dieses Licht in unserer Welt nur in Ansätzen zu sehen aber das Licht kommt und wird (wieder) stärker werden, so lautet für mich die Hoffnungsbotschaft in diesem gruseligen Advent 2021. Diese Prognose lässt sich übrigens mit etwas Glück in der Eichstätter Altstadt mit eigenen Augen erleben: Gerade im Dezember erreicht ja kaum ein Sonnenstrahl die engen Gassen „drunt im Tal“, weil grad mal wieder Hochnebel herrscht oder weil sich die Sonne hinter dem Frauenberg versteckt. Doch von Zeit zu Zeit erhellt die Sonne wenigstens die Türme der Altstadt (siehe Foto). Unten ist und bleibt es noch ein paar Wochen schattig, aber wenn man „nach oben“ blickt, sieht man das kommende Licht, aus dem wieder Frühling und Sommer werden wird.

Allerdings reicht es nicht, die Erlösung von Corona und anderem Leid nur vom Himmel zu erwarten! Unser Erlöser Jesus Christus in Gestalt eines Kindes fordert auch unsere (!) Unterstützung, um in die Welt hinein zu wachsen. So interpretiere ich das. Jesus fordert uns auf, ihm entgegen zu gehen und mit all unseren Verstandes- und Leibeskräften bei unserer Erlösung mitzuwirken. Nur dann kann die Erlösung „von oben“ wirklich „bei uns“ ankommen, wenn sie durch unsere (!) Hände weitergereicht und empfangen wird.

Daraus folgt für mich: Auch beim Kampf gegen Corona haben wir als Christen die Möglichkeit wie die Pflicht zur Mitwirkung und sollten aus höherer Einsicht und freiwillig (!) die bislang bekannten Empfehlungen erfüllen, trotz mancher Zumutungen: Dreifache Impfung, Kontakte auf das Wesentliche reduzieren und möglichst viel Maske tragen – damit die Intensivstationen wieder frei werden für „normale“ Verkehrsunfälle, Herzinfarkte, Krebserkrankungen etc. Davon profitiert übrigens jeder von uns, jenseits aller Meinungsverschiedenheiten.

Darum: Die reale Bedrohung ernstnehmen, mit Gottes Hilfe auf Überwindung hoffen und, nach Abwägung der Möglichkeiten und Risiken, dem Licht mit Glaube, Herz und Verstand entgegengehen, damit die Gruselgeschichten endlich aufhören… Gottes Geist erhelle unseren Geist!

Pfarrer Martin Schuler