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Impuls 2021-11-07

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Zwei Tür‘ln zum Himmelreich?

In meiner Heimatstadt Weiden gab es etwa 150 Jahre lang eine kuriose Apotheke: Mit einem „katholischen Türl“ und einem „evangelischen Türl“. Ein frühes Zeugnis der Ökumene? Jein.

Ursprünglich ging es nur darum, die beiden Konfessionen in Weiden möglichst gleichberechtigt voneinander zu trennen, um Konflikte zu vermeiden. Eine „Nebeneinander-Ökumene. Aber das war nach dem Dreißigjährigen Krieg ein riesiger Fortschritt.

Damit sich Evangelische und Katholische nicht mehr gewaltsam bekämpften, verfügte der damalige Herzog nach 1650 in seinem Herrschaftsgebiet das „Simultaneum“: Beide Konfessionen mussten dieselben Kirchen abwechselnd nutzen. In Weiden war das Verhältnis evangelisch-katholisch zu dieser Zeit sehr ausgeglichen, und man achtete bei der Besetzung wichtiger Posten auf strenge Parität. Dies führte oft zu Doppelbesetzungen: So gab es unter anderem einen katholischen und einen evangelischen Apotheker, mit getrenntem Kundenstamm. Theoretisch jedenfalls.

Um 1830 war die „katholische“ Apotheke nämlich auch bei Protestanten sehr beliebt! Das sah der evangelische Apotheker, nur vier Häuser weiter, gar nicht gerne. Darum ließ der katholische Apotheker kurzerhand eine zweite (vom Marktplatz aus nicht einsehbare!) Türe ums Eck einbauen. Der Volksmund hat daraus das „evangelische Türl“ gemacht.

In dieser Apotheke fand fortan „Miteinander-Ökumene“ statt, wenn man so will. Nicht auf religiösem Gebiet, aber immerhin im zivilen, alltäglichen Bereich begegneten sich Evangelische und Katholische nun im gleichen Raum, ohne Abstandsgebot, erhielten die gleiche Arznei vom gleichen Meister.

Gott sei Dank ist das heutzutage (fast) alles auch in Kirchengebäuden möglich: Dass sich Katholische und Evangelische nicht mehr gegenseitig verdammen, sondern gemeinsam (!) Gottesdienste feiern, miteinander beten, sich begegnen und voneinander lernen, weil sie begriffen haben, dass sie im selben Gottesreich wohnen. Das ist für mich wahre Ökumene (griechisch: gemeinsames Haus) und abermals ein gewaltiger Fortschritt! Gerade im Zusammenhang mit dem Reformationstag, den wir Evangelischen vor ein paar Tagen begangen haben, ist mir das wichtig zu sagen: Zum Evangelisch-Sein gehört für mich unverzichtbar Ökumene dazu.

Ja, ich bin gerne evangelisch, bin dankbar für Martin Luther und seine Mitstreiter, die allen Kirchen bis heute bleibende Reformimpulse gegeben haben, am prominentesten: noch deutlicher auf die Bibel zu hören und den barmherzigen Christus in allem zu suchen! Und doch frage ich mich manchmal, ob es diese neuerliche Kirchenspaltung im 16. Jahrhundert wirklich gebraucht hätte. Im Jahr 1054 gingen ja schon Ost- und Westkirche auseinander.
Andererseits ist das gern bemühte Bild von der Kirchenspaltung infolge der Reformation unvollständig: Es übersieht, dass die Evangelischen sehr bewusst auf den tragenden Fundamenten der alten Kirche bis zum 5. Jahrhundert verblieben sind, nur etwas „aufgeräumt“ haben, um das Evangelium wieder mehr zum Leuchten zu bringen. Und doch haben auch wir Evangelischen immer nur eine begrenzte Sicht auf das Ganze des Gottesreiches. Um mehr zu sehen, brauchen wir dringend Unterstützung durch die anderen Konfessionen.

Zugleich inspiriert mich die Weidner Apotheke, die ihrer Zeit weit voraus war, zum Traum von der letzten Vollendung der Ökumene: Dass Evangelische und Katholische gleichzeitig und im selben Raum dieselbe stärkende und heilende Arznei (Abendmahl/Eucharistie) von ihrem einen Meister erhalten, egal von welchem Türl sie ursprünglich kommen. Die Zeit wird’s richten.

Pfarrer Martin Schuler