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Impuls 2021-10-16

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Gebrauchsanweisung fürs Altern

Langsam streichelt der Junge seinem Großvater über das Gesicht. Seine Finger machen dabei kurzen Halt an den tiefen Falten, die das Gesicht umspielen. An der Stirn, den Augen, um die Mundwinkel herum. Konzentriert fährt der Junge die Falten nach und zieht die Haut dann straff. Doch kaum hebt der Junge seine Finger vom Gesicht, sind die Falten wieder da. Nein, wegwischen lässt sich das Alter nicht.

Plötzlich strahlt der Junge über das ganze Gesicht: „Opa, wenn ich groß bin, möchte ich auch so alt werden wie Du!“ Der Großvater muss lachen. Was er dabei wohl denkt? Ja, ein langes Leben wünschen sich viele Menschen. Für den Jungen heißt ein langes Leben wohl, dass es für ihn ewig so weitergeht, wie er es kennt. Nur das irgendwann die vielen „Nein, das darfst Du noch nicht“-Spaßverbote verstummen und ihm schier alles erlaubt sein wird.

Dass es ewig so weitergeht, danach sehnen sich auch viele Erwachsene, besonders, wenn sie an die Zeit des Ruhestands denken. Nur, dass es mit dem Ruhestand natürlich nochmal so richtig losgehen muss: Endlich Zeit haben für die Familie, für Freunde, fürs Reisen, den Garten, das Imkern, und, und, und. Manchen ist das auch vergönnt. Doch der Ruhestand kann auch ganz anders aussehen: Faltig mit grauen Haaren, mit zittrigen Händen, mit schweren Beinen und Gelenken, gebeugt und verloren an fremden Orten, manchmal auch an den einst vertrauten.

Ein ähnliches Bild entwirft der Prediger Salomo vom Altwerden (Prediger 12,1-6). Dabei richtet er seine Worte explizit an junge Menschen. Sein Rat an diese: „Denk an deinen Schöpfer in deiner Jugend, ehe die bösen Tage kommen und die Jahre nahen, da du wirst sagen: ‚Sie gefallen mir nicht.‘“ (Prediger 12,1).

Jugend und Alter–was wie ein klares Gegensatzpaar klingt, ist doch ziemlich fließend im Übergang. Niemand von uns wird plötzlich über Nacht alt. Wir alle altern mit jedem Tag ein Stückchen mehr. Setzen unsere Kraft und Zeit ein für die Dinge, die uns wichtig sind oder die einfach getan werden müssen, und brauchen sie so Stück für Stück auf.

Wer nach vielen Jahren auf sein Leben zurückblickt, wird wissen, wohin die Kraft der Jugend geflossen ist. Und ist vielleicht auch dankbar für die Dinge, die ihm oder ihr möglich waren. Und umgekehrt: Auch wer das Leben früh von seinem Ende her betrachtet, hat Grund zur Dankbarkeit. Für die Kraft, die noch in den Knochen steckt. Für die Talente, die Zeit zur Entfaltung haben. Für das, was einem so mühelos und selbstverständlich gelingt.

Wann die „bösen Tage“ kommen, von denen Salomo spricht, weiß niemand vorherzusagen. Und so richtet sich sein Rat eigentlich an alle, unabhängig vom konkreten Alter oder der Lebensphase: Lebe bewusst im Hier und Jetzt und nutze die Möglichkeiten, die du hast. Freue dich über das, was im Moment geht, im Wissen, dass alles ein Geschenk ist.

Wahrscheinlich wird der Junge eines Tages tatsächlich so alt sein wie sein Großvater – und wohl auch noch älter. Und ähnlich tiefe Falten werden sein Gesicht prägen. Mögen sie vor allem von dem zeugen, wofür er seine Kraft und Zeit gerne hergeschenkt hat.

Pfarrerin Edina Hilmes