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2021-10-03

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Kontaktlos glücklich?

EC-Karte an den Automaten halten, Nummer für die gewünschten Speisen eintippen, und schon rutschen Schweinebäckchen im Glas sowie vorgekochte Spätzle in das Ausgabefach des „Genuss-o-maten“! Gesehen in einer beliebten Ferienregion, geboren aus der Not des ersten Lockdowns, als alle Gaststätten geschlossen bleiben mussten. So erfreut der „Genuss-o-mat“ bis heute Feriengäste und Einheimische mit gehobener Dorfgastronomie zum kontaktlosen Mitnehmen.

Ich wage den Selbstversuch! Die Speisen in der Küche der Ferienwohnung kurz aufwärmen, und ich bin wirklich überrascht: Noch nie habe ich so etwas Gutes aus dem Glas gegessen. Und doch hat etwas Entscheidendes gefehlt: Das Erlebnis des Restaurantbesuchs! Die Vorfreude, das Studieren der Speisekarte, die aufmerksame Bedienung, die (Tisch)Gemeinschaft in geselliger Runde, das flüchtige Plaudern mit dem Nebentisch. Wehmütig denke ich zugleich an die ausgefallenen Familienfeste der letzten 1-2 Jahre. Das zeigt: Essen ist eben nicht nur Nahrungseingabe zum Sattwerden, sondern kann und sollte noch viel mehr sein… Gemeinschaft! Freude! Dankbarkeit!

Alle diese Aspekte bedenken wir Christen auch am Erntedankfest, das wir an diesem Wochenende begehen. Wir danken Gott zunächst fürs tägliche Brot, für alle Speisen, die er uns so wunderbar wachsen lässt auf den Feldern, in den Gärten und Ställen, damit wir satt werden und leben. Alles andere als selbstverständlich! Deshalb stimmen wir in die Worte des Psalmbeters ein: „Aller Augen warten auf dich, Herr, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit Zeit.“ (Psalm 145, 15) „Danket dem Herrn, denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich.“ (Psalm 136,1).

Zugleich machen wir Christen uns an Erntedank Gedanken über eine gerechtere Verteilung der Güter auf dieser Erde und über nachhaltige, ökologische und faire Landwirtschaft. Davon haben alle etwas!

Und ein dritter Aspekt wird am Erntedankfest ganz praktisch ausprobiert: (Tisch)Gemeinschaft! In den evangelischen Kirchen wird ja normalerweise nicht so oft Abendmahl gefeiert, an Erntedank allerdings umso bewusster!

Das Abendmahl geht zurück auf die legendären Mahlgemeinschaften Jesu, die er mit seinen Jüngern, aber auch mit wildfremden (und auch unbeliebten) Menschen intensiv genossen hat. Dabei ging es Jesus nicht nur um die leibliche Speisung, sondern auch um (Wieder)Herstellung von Gemeinschaft. Wir sollen in Kontakt kommen. Auf dieser Erde, aber auch mit dem Himmel.

Das Essen mit Jesus um einen Tisch herum war immer auch Vorgeschmack, Vorschau auf die vollkommene Gemeinschaft im kommenden Reich Gottes, wo alle Menschen unterschiedslos in Frieden um den Tisch Gottes sitzen und (wirklich!) feiern werden. Und es wird kein Mangel an irgendwas herrschen, sondern nur noch die Liebe. Auch der Tod wird überwunden sein. So wird es schon durch die Propheten des Alten Testaments verheißen (z.B. bei Jesaja 25,6-9).

In dieser Perspektive lädt Jesus uns bis heute zum Abendmahl bzw. zur Eucharistie ein: „Ich bin das Brot des Lebens. (…) Dies ist das Brot, das vom Himmel gekommen ist. Wer von diesem Brot ist, der wird leben in Ewigkeit.“ (Johannes 6,48-50). In guter Gemeinschaft, darf man ergänzen, mit unseren Brüdern und Schwestern im Glauben, aber auch in guter Gemeinschaft mit Gott. Ja, symbolische wie reale Tischgemeinschaft, leibliche wie geistliche Speisung kann alle Ungleichheit und Ungerechtigkeit überwinden und reiche Früchte bringen. Dafür danken wir Gott, dem Spender aller Gaben!

Pfarrer Martin Schuler