2021-08-15

  • von

Wie lange dauert geduldig sein?

Die Hoffnung ist grün. Wie ein grünes Pflänzchen, das ganz plötzlich und ohne Genehmigungsantrag in einer grauen Steinwüste aufploppt, so ähnlich soll auch die Hilfe Gottes immer wieder in unsere (scheinbar) felsenfest verfugte Wirklichkeit „durch-dringen“. Darauf dürfen wir hoffen, sagt unsere Bibel. Freilich wissen wir nicht, wann und wo genau das geschehen wird. Manchmal kann es auch dauern, fordert uns Geduld ab, weiß unsere Bibel ebenfalls. Und bleibt dennoch dabei: „Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des Herrn hoffen.“ (Klagelieder 3,26)

Warten, Geduld haben – eine Alltagserfahrung, die wir je nach Situation ganz unterschiedlich bewerten: Mal eben 3-5 Minuten einen guten Schwarztee ziehen lassen oder zwanzig Minuten mit Freunden aufs Essen warten – das ist verheißungsvolles, „köstliches“ Warten voller Vorfreude, das wir auch und gerade im Urlaub genießen.
Ganz anders dieselben 3-5 Minuten in einer Telefonhotline oder beim Warten auf Testergebnisse aller Art – nervig bis unangenehm! Weil man nicht weiß, wann und wie es weitergeht. Die Ungewissheit ist es vor allem, die uns auffrisst.

Das Warten auf Gottes Hilfe liegt irgendwo dazwischen: Einerseits dürfen wir berechtigte Hoffnung haben, dass Gott wirklich hilft – auf der anderen Seite heißt es auch hier oft genug, sich zu gedulden. Doch diese Hoffnung, diese Geduld soll nicht umsonst sein, soll „köstliche“ Früchte tragen! „Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des Herrn hoffen.“

Was wäre die Alternative? Wäre uns wirklich geholfen, wenn es wie in einer Telefonhotline hieße: „Haben Sie bitte noch 2 Jahre, 3 Monate und 5 Tage Geduld! Dann wird ihnen Gott selbstverständlich sofort helfen.“ Wäre so eine exakte Zeitansage wirklich besser? Würden wir die „Zwischen-zeit“ wirklich besser nutzen – oder das Warten auf Gott gleich wieder einstellen, weil wir nicht mehr so lange warten können?

Es führt wohl kein Weg daran vorbei: Auch die Hoffnung und das Vertrauen auf die Hilfe Gottes muss (wie ein kleines grünes Blatt) erst noch wachsen, muss gegossen und gepflegt werden, bis daraus ein großer Baum wird, in dessen Schatten wir leben können.

Doch dann gilt: „Dein Glaube hat dir geholfen“, sagt Jesus wiederholt zu den Hilfesuchenden, die ihn anrufen, zum Beispiel in Matthäus 9,22 und Markus 10,52.
Beide Male geht ein zähes Festhalten, ein unerschütterlicher und geduldiger Glaube an die Macht des Gottessohnes voraus. Das scheint schon mal die halbe Miete zu sein. Es soll anscheinend eine Art „Kooperation“ zwischen Gott und mir entstehen, damit mir wirklich und dauerhaft geholfen ist. Ein aktives, ein ganz bewusstes Warten und Hoffen, das sich so schnell nicht entmutigen lässt, sondern Ausdauer zeigt, Gott einfach nicht mehr los lässt, bis er hilft. „Dein Glaube hat dir geholfen.“

Und so gibt es zum oben zitierten Klagelied noch eine Fortsetzung im Loblied von Psalm 92,2: „Das ist ein köstlich Ding, dem Herrn danken und lobsingen deinem Namen, du Höchster.“

In diesem Sinne wünsche ich uns allen, liebe Leserinnen und Leser, dass wir immer genügend Kraft und Geduld zum Glauben finden und schlussendlich zum Danken durch-dringen: Gelobt sei die alle Zeiten über-dauernde Güte des Herrn, die immer wieder ganz plötzlich wie ein grünes Pflänzchen in unserer Steinwüste aufploppt!

Pfarrer Martin Schuler