2021-08-08

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Wer suchet, der findet.

„…, drei, zwei, eins. Ich komme!“ Alle sind mucksmäuschenstill. Niemand regt sich. So kauern sie neben dem Gebüsch, drücken sich an die Hauswand oder stehen hinter der Tür. Erinnern Sie sich noch an den Nervenkitzel beim Verstecken spielen? Man will bloß nicht gleich gefunden werden. Aber gleichzeitig wartet man doch darauf, endlich entdeckt zu werden. 
Gesucht zu werden ist ein richtiger Seelenschmeichler. Wer gesucht wird, wird vermisst, fehlt jemandem. Er oder sie läuft nicht Gefahr, einfach vergessen zu sein. Wer gesucht wird, ist einem anderen wichtig.

Auch der kleine Jechiel wollte sich suchen und finden lassen. Doch dann kam es ganz anders. So berichtet es eine Weisheitsgeschichte aus dem osteuropäischen Judentum, in einer Sammlung des jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber. Jechiel wartete lange in seinem Versteck auf seinen Freund. Aber dieser kam und kam nicht und war auch nirgends zu sehen. Da verlies Jechiel sein Versteck und merkte, dass sein Freund gar nicht erst nach ihm gesucht hatte. Was für eine Kränkung! Weinend kam er in die Stube seines Großvaters, des Rabbis Baruch und beklagte sich über den Freund. Da flossen Rabbi Baruch die Augen über, und er sagte: „So spricht Gott auch: ‚Ich verberge mich, aber keiner will mich suchen.“

Die Vorstellung, dass sich Gott verbirgt, ist vielen Menschen allzu vertraut. Voll Bitterkeit ruft der Psalmbeter: „Herr, wie lange willst du mich so ganz vergessen?
Wie lange verbirgst du dein Antlitz vor mir?“ (Ps 13,2).
Nicht immer lässt sich Gott in unserem Leben entdecken. Manchmal wird er in der Rückschau erkennbar, manchmal bleibt aber auch eine Lücke wie eine offene Wunde.
Dass sich Gott wie ein Kind neckisch vor einem verbergen soll, irritiert. Warum macht er es einem so schwer, seine Nähe zu spüren? Welches Spiel treibt er mit einem?
Vielleicht verbirgt er sich ja auch gar nicht. Sondern wirkt nur auf eine Weise im Leben, die man nicht versteht. Die man nicht mit ihm in Verbindung bringt.

So oder so: Auf die Frage, wo Gott in (m)einem Leben ist, darauf gibt es keine einfache Antwort. Aber wäre es nicht zu einfach, gar nicht erst nach einer Antwort zu suchen? Das, was einem im Leben wichtig ist, was einem fehlt, einfach verloren zu geben? (Und damit auch alles andere, was man beim Suchen noch so entdecken würde.) So wie sich der Spielgefährte um seinen Freund Jechiel einfach nicht gekümmert und ihn zurückgelassen hat.
Das Schöne beim Versteckspielen ist doch: Auch wenn man niemanden sieht, es sind doch alle da. Vielleicht spielt Gott also Verstecken mit uns. Aber er ist immer auch da in unserem Leben.
Und er sagt uns zu: „Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen.“ (Jer 29,13f.)
Nun denn: „…, drei, zwei, eins. Ich komme!“

Pfarrerin Edina Hilmes