2021-07-11

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Bon voyage! – Vom Reisen

Auf Reisen ist man vielleicht zwei-, dreimal im Jahr. Man packt die Koffer, sehnt der Ferne entgegen und steigt erwartungsfroh in den Zug oder ins Auto. Zwei Wochen Meer statt heimischer Berge. „Moin“ statt „Grüß Gott“. Fischbrötchen statt Leberkässemmel. Solche feinen Unterschiede reichen meist schon aus, um sich vom Alltag zu lösen und den Gedanken freien Lauf zu lassen. Es tut einfach gut, unterwegs zu sein. „Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will.“ (Gen 12,1) Als Gott diese Worte zu Abraham sprach, meinte er keine zweiwöchige Reise ans Nildelta. Er sprach von einem echten Aufbruch. Abraham sollte mit 75 Jahren seine Heimat, seine Familie und jede Sicherheit im Leben zurücklassen. Er sollte ins Unbekannte aufbrechen, in ein Land, das Gott ihm zeigen will – wo auch immer das sein mag. Wir erfahren nicht, was Abraham denkt, als er diesen Auftrag hört. Aber von alleine wäre er sicher nicht auf den Gedanken gekommen. Und doch, am Ende dieser Episode heißt es: „Da zog Abraham aus, wie der Herr zu ihm gesagt hatte.“(Gen12,4a) Auch wenn wir es uns nur selten bewusstmachen: Eigentlich reisen wir jeden Tag. Nicht in die Ferne, aber durch unser Leben. Da gibt es die Reisen, die uns klein erscheinen: Von Tag zu Tag, von Woche zu Woche. Und es gibt die Reisen, die sich nach großen Auf und Umbrüchen anfühlen – so wie die Reisen in die Ferne, die viele so gerne mögen. Aus der Singlebude ins Einfamilienhaus. Aus dem Berufsleben in den Ruhestand. Oder aus dem Land der Kindheit in die Pubertät und dann ins Erwachsenenalter. Diesen Weg durch die Pubertät bestreiten auch die Konfirmandinnen und Konfirmanden unserer Kirchengemeinde. In den Konfirmationsgottesdiensten, die in diesen Wochen gefeiert werden, wird ihnen der Segen Gottes zugesprochen. Sozusagen ein Reisesegen für Ihre Lebensreise. An den großen Wendepunkten der Lebensreise – zur Taufe, zur Konfirmation, zur Trauung und zur Bestattung – wird einem Menschen ein solcher Reisesegen zugesprochen. Auch Abraham erfährt ihn vor seinem Aufbruch: „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.“ (Gen 12,2) Doch auch jeden Sonntag wird der Segen allen Gottesdienstbesuchern in die neue Woche mitgegeben. So stehen sowohl die kleinen als auch die großen Reisen eines Lebens unter dem Segen Gottes. Natürlich ist dieser Segen kein Garant für ein unbeschwertes und heiles Unterwegssein. Aber er ist ein Garant dafür, dass man nicht alleine unterwegs ist, sondern stets in Begleitung Gottes. Und dafür, dass dieser einen mit den Gaben segnet, die es braucht, um gut unterwegs zu sein. Mit dem Mut zur Unabhängigkeit und Eigenverantwortung, wie ihn die Konfis brauchen. Oder mit der Kraft zum Loslassen, die Abraham half, sich auf den Weg zu machen. Es tut gut, sich bewusst zu machen, dass man jeden Tag auf Reisen ist. Dass jeder Tag Veränderung und Neues bringen kann. Und es tut gut, sich den Segen Gottes immer wieder mitgeben zu lassen. Die Gewissheit, weder alleine noch mit leeren Händen unterwegs zu sein. Ihnen also bon voyage – eine gute Reise!

Pfarrerin Edina Hilmes