2021-06-13

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Vom Heimlichen Wachstum

„Weihnachten, Ostern, Erntedank und hmmm…, das war’s eigentlich.“ Das sind alle christlichen Feste, die es gibt, stellt ein Schüler zufrieden fest. „Wirklich alle?“, frage ich. Die Klasse sammelt angestrengt weiter. „Und was ist mit Trinitatis und der Trinitatiszeit?“, lege ich nach. Stille breitet sich aus. Keiner weiß so recht, etwas mit diesen Begriffen anzufangen. Dabei hat die Trinitatiszeit gerade begonnen. Diesen Sonntag feiern wir den 2. Sonntag nach Trinitatis. Nun ist es so, dass böse Zungen die Trinitatiszeit gerne auch als ‚Saure-Gurken-Zeit’ bezeichnen, in der nicht viel passiert. Dabei dauert sie 22 Wochen, fast ein halbes Jahr. Die prominenten kirchlichen Hochfeste des Kirchenjahres sind bereits gefeiert, und es stellt sich eine Art kirchenjahreszeitlicher Alltag ein. Ein wenig erinnert mich das an den Corona-Alltag der vergangenen Monate. Zäh und lang haben sie sich angefühlt. Und doch sind sie rückblickend rasch verstrichen, ohne dass ich sagen könnte, was sich genau in dieser Zeit ereignet hat. Mir haben die Familienfeiern gefehlt, die Besuche von Freunden und Freundinnen, die Reisen an Sehnsuchtsorte und die besonderen Aktivitäten, die den Alltag unterbrechen. Die Marker, die mir deutlich vor Augen führen, dass sich etwas getan, bewegt hat. Wenn ich das Grün der Jurahänge sehe, bin ich oft erstaunt. Ist wirklich schon das halbe Jahr rum? Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass man genau hinsehen musste, um an den Zweigen erste Triebe zu erkennen. So wie das Grün Einzug in die Natur gefunden hat, so hat es auch Einzug in das Kirchenjahr gefunden. Tatsächlich ist die liturgische Farbe der Trinitatiszeit nicht etwa grau – wie man es dem Alltag nachsagt –, sondern grün. Die Trinitatiszeit trägt die Farbe der Hoffnung und des Wachstums. Die Botschaft, dass sich Gott auf dreierlei Weise den Menschen offenbart, als Vater, als Sohn und als Heiliger Geist, ist so komplex, dass sie Zeit braucht, um im Herzen zu wachsen. So sind diese 22 Wochen Alltag doch eine bewegte Zeit. Wachstum vollzieht sich meist so unaufgeregt, dass man erst einmal gar nichts davon merkt. Gerade, wenn es um innere Wachstumsprozesse geht. In der Corona-Zeit mag sich äußerlich wenig gerührt haben. Aber innerlich? Vielleicht ist bei dem einen oder der anderen etwas im Herzen gewachsen: Eine Einsicht, neue Wertigkeiten oder auch der Mut, sich schwierigen Situationen zu stellen. Die Trinitatiszeit lehrt, dass Wachstum Zeit braucht. Sie lehrt auch, den Blick auf unscheinbare Ereignisse des Alltags zu richten, auf das Alltägliche. Nicht nur die großen Feste und Ereignisse sind von Bedeutung. Auch das Kleine ist wertvoll und lohnt einen genauen Blick. Schön, wenn man sich das im Bewusstsein bewahrt – gerade jetzt, wenn die ersehnten Lockerungen für vieles wieder grünes Licht geben und das Leben gefühlt an Fahrt gewinnt.

Pfarrerin Edina Hilmes