2021-05-02

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Viele bunte Schirme schweben über der Straße, vor einem grauen Himmel. Diese Szenerie habe ich vor kurzem im mittelfränkischen Gunzenhausen, in der Nähe der Stadtkirche, entdeckt.
Rein physikalisch sind die Schirme dort ja überflüssig: Viel zu weit oben und viel zu weit auseinander, als dass sie die Passanten vor Regen schützen könnten. Diese Schirme dienen im wahrsten Sinne des Wortes einem „höheren“ Zweck, sind Teil einer Kunst-Installation, die den Blick nach oben lenken und mit fröhlicher Farbigkeit den grauen Himmel aufhellen soll – und wohl auch die Psyche der Passanten, die nach monatelangem Lockdown ähnlich gedrückt sein dürfte wie der Himmel bei Regenwetter.
Das bringt mich auf den Gedanken, dass auch unsere Seele dringend „Schutz-Schirme“ braucht. Das ganze letzte Jahr über lag der Fokus der Pandemie-Bekämpfung sehr stark auf dem Schutz der körperlichen Gesundheit, aber auch auf finanziellen Schutz-Schirmen für so manches. Ja, selbstverständlich: Gut, dass wir uns das „leisten“ konnten!  Doch was ist mit den seelischen Schäden, die diese Pandemie bei uns allen hinterlässt, ganz besonders auch bei (Schul-)Kindern, Jugendlichen und Eltern?
Schule, Kunst, Kultur, Musik, Spiel und Sport: Natürlich sind sie unter Corona-Hygienekonzepten schwerer auszuüben… aber hat unser Land, haben wir wirklich genug Anstrengungen unternommen, die „seelische“ Nahrung für uns Menschen zu bewahren?
„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern (auch) von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht“, weiß schon unsere Bibel (Matthäus 4,4). Wir Menschen sind auch angewiesen auf das Über-Irdische, Meta-Physische, auf geistige, geistliche und seelische Nahrung. Man mag es Religion, Philosophie, Kunst, Kultur etc. nennen – letztendlich geht alles auf den schöpferischen, kreativen Heiligen Geist Gottes zurück, der diese bunte Welt geschaffen hat, im Innersten zusammenhält und uns Menschen immer wieder „geist-reiche“ Ideen und Einsichten einflüstert.
Weil Kunst und Religion hinter den Kulissen so eng zusammenhängen, wird diese Kunst-Installation mit den bunten Schirmen auch „religiös“ lesbar. Sie erinnert mich an Psalm 91,1-2: „Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, der spricht zu dem HERRN: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe.“
Gott will unser „seelischer“ Schutz-Schirm sein. Zu ihm dürfen wir in all unserer Bedrängnis kommen. ER will Zuflucht vor allzu viel Regen und allzu viel Sonnenglut sein, Schirm und Schutz, eine bergende Burg sein und will uns mit seinem Wort, aber auch mit „geist-reichen“ Zeichen mitten in unserem Alltag stärken. Diese bunten Regenschirme, auf den ersten Blick überflüssig, sind für mich das beste Beispiel für die seelisch-geistliche Nahrung, die Gottes Geist uns auf vielerlei Weise immer wieder gibt. Wir erkennen es nur nicht immer gleich.
Das Wichtigste dabei lässt sich anhand eines bekannten Paradox veranschaulichen: Ausgerechnet dann, wenn man einen Regenschirm dabei hat, regnet es garantiert nicht – aber es ist auf jeden Fall ein beruhigendes Gefühl, einen Schirm dabei zu haben! So ähnlich ist es auch mit dem Glauben: Es ist sehr beruhigend, wenn ich mich unter dem Schirm des Höchsten weiß! Gott ist bei mir, wenn es darauf ankäme. Und dieses Wissen ist das Wichtigste: Es gibt mir Kraft und Gelassenheit, selbst wenn ich zwischendurch mal nass werde.

Solch einen seelischen Schutzschirm, wie immer der ausschaut, wünsche ich uns allen.

Pfarrer Martin Schuler