2021-03-21

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Ein kleiner Mammutbaum. Eigentlich ein Widerspruch in sich. Für mich allerdings der interessanteste Baum im Eichstätter Hofgarten. Natürlich wird er noch wachsen. Aber im Moment steht er – im wahrsten Sinne des Wortes – im Schatten des großen Mammutbaums, der ihm Tag für Tag die beste Mittagssonne nimmt.

Menschen sind wie Bäume, heißt es. Da gibt es ebenfalls große, mächtige, selbstbewusste Exemplare, die immer Recht haben (wollen). Und es gibt die kleineren Gewächse in Gottes Garten, die eigentlich auch Rechte haben, sich jedoch nicht trauen, diese Rechte anzumelden.

Welcher Gruppe von Menschen wohl die Empathie und Sorge (lateinisch: cura) unserer Bibel gilt? Richtig, eben nicht den zwanghaften Rechthabern, die vor allem für sich die Vorteile rausschlagen und auf ihr vermeintliches Vorrecht der Stärke pochen – sondern denen, die geduldig und oft vergeblich auf ihr tatsächliches Recht warten, gilt die besondere Aufmerksamkeit Gottes. Den kleinen Mammutbäumen.

„Schaffe mir Recht, Gott!“, so ruft der Beter von Psalm 43,1 zum Sonntag „Judika“ im evangelischen Kirchenkalender. In der Bibel hören wir immer wieder, wie die sogenannten kleinen Leute voller Vertrauen auf Gott hoffen: „Schaffe DU mir Recht!“

Die Betonung liegt auf dem DU. Es ist kein detaillierter Forderungskatalog von mir, was Gott mir alles tun soll, um mir (!) ein guter und gerechter Gott zu sein, wie es die zwanghaften Recht-Haber formulieren würden! Sondern es ist eine in aller Bescheidenheit vorgetragene, sehr offene, aber umso vertrauensvollere Bitte an Gott, dass ER dem kleinen Mammutbaum-Beter auf SEINE Weise helfen soll.

So wie in Psalm 37,5 heißt: „Befiehl dem HERRN deine Wege; ER wird’s wohlmachen!“ Vertraue nur, hab Geduld, gib Gott Raum und Gelegenheit, seine Treue und seine Liebe zu dir zu beweisen – auf seine Weise! Versuch ja nicht, dein angebliches Recht sowie Größe und Stärke von Gott zu erzwingen. Denn Groß-Sein bedeutet im Reich Gottes etwas ganz anderes.

Davon hören wir im Markus-Evangelium (10,35-45). Die Söhne des Zebedäus meinen, dass sie sich im kommenden Reich Gottes schon mal einen guten Platz (ganz oben!) sichern müssten, und bitten Jesus selbstbewusst: „Meister, wir wollen, dass du für uns tust, was wir dich bitten werden.  (…) Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit.“

Jesus weist das schroff zurück: „Ihr wisst nicht, was ihr bittet. (…) Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein. Denn auch der Menschensohn (d.i. Jesus) ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene.“

In Gottes Reich gelten umgekehrte Größen- und Machtverhältnisse: Die Ersten bzw. die sich dazu machen wollen, werden die Letzten sein; und die Letzten werden die Ersten sein. Recht-haben-wollen ist nicht dasselbe wie Recht-bekommen! Letzteres bekommen wir nur, wenn wir Gott demütig bitten: „Schaffe DU mir Recht, Gott! Verhilf du mir zu meinem Lebensrecht – aber nicht wie ich will, sondern wie du es in deiner Weisheit für richtig hältst.“ Daraus ergibt sich sogleich die zweite Bitte: „Hilf mir, dass ich mit deiner Kraft auch anderen (!) helfen kann, die in Not und Bedrängnis sind. Dazu lass mich stark werden.“ So ähnlich könnte das Gebet des kleinen Mammutbaums lauten. Ein wahrer Christ in der Nachfolge Christi!

Pfarrer Martin Schuler