2021-03-07

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Auf die Plätze, fertig, los-lassen!

Links die glatte, barrierefreie, aber längere Rampe. Rechts der kürzere, aber beschwerlichere Weg über die Treppen. Absolut perfekt für Wettrennen. Kinder nehmen meist den langen Zickzack; Erwachsene glauben, dass sie über die Treppen abkürzen können. Und doch gewinnen immer die Kinder.

Mal wieder ein ominöser, zeichenhafter Ort in Eichstätt: Er zeigt, dass es doch nicht so eindeutig ist, welches der richtige Weg im Leben ist. Um es noch komplizierter zu machen: Auf der genannten Treppe gibt es noch zwei Zwischen-Plateaus, wo man kurzentschlossen zwischen Rampe und Treppe wechseln könnte. Wie im richtigen Leben!

„Folge mir nach!“, sagt Jesus damals wie heute zu uns Menschen (Lukas 9,59); ich will dir den Weg zeigen, im anbrechenden Reich Gottes. Klingt verlockend. Doch zugleich warnt Jesus: „Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.“ (Lukas 9, 58) Jesus nachfolgen, als Christ leben – das ist auch ein Wagnis, oft genug „unbehauste“ Existenz.

Das deckt sich mit unserer eigenen Erfahrung: Jesus, ich will dir folgen – das ist schnell gesagt. Wenn es allerdings darum geht, unser Christ-Sein im Alltag überzeugend zu leben, zeigt sich: Doch nicht so einfach! Wie kann ich Gottes Willen und seinen Geboten gerecht werden, in all den Windungen, Zickzack-Kursen und Weggabelungen meines Lebens?

Man kann sich auch nicht so absichern, am Geländer festhalten, wie man gerne möchte, zeigt das Evangelium weiter: „Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Hause sind. Jesus aber sprach zu ihm: Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“ (Lukas 9,61f) Harte, aber realistische Worte: Wenn du erst „noch schnell“ alle Dinge in deinem bisherigen Leben zu 100% in Ordnung bringen willst, bevor du mit Jesus aufbrichst; wenn du dich erst „noch schnell“ absichern willst für eine eventuelle Rückkehr – dann kannst du dich nicht wirklich auf den neuen Weg mit Jesus einlassen, der ganz deutlich Richtung Zukunft, Freiheit, Auferstehung weist. Jesus zu folgen fordert loszulassen, mutig nach vorne zu schauen, dem Reich Gottes entgegen – nur so kannst du loskommen von den (ungesunden) Bindungen, die deine Lebenskraft abschnüren.

Loslassen! Das lässt sich mal wieder bestens von Kleinkindern lernen: Am Anfang ziehen sie sich an Tischbeinen hoch, klammern sich noch fest, doch dann lassen sie los und wagen erste Schritte auf Mama oder Papa zu, die mit ausgebreiteten Armen ein paar Schritte voraus warten. Der Greifreflex ist angeboren. Das Loslassen muss man dagegen erst lernen, es fordert mutige Überwindung, Konzentration auf ein lohnendes Ziel. Auch das Fallen und Wiederaufstehen gehört dazu. Aber wenn Mama oder Papa mich auffangen bzw. mir beim Wiederaufstehen helfen, kann ich los-lassen, los-gehen, mich auch mal fallen-lassen.

So auch mit Jesus: Am Anfang möchte ich mich an so viel Vertrautem, am sicheren Treppengeländer festhalten; aber das hindert mich daran, richtige und bessere Wege zu gehen. Ich soll und darf loslassen, soll mutig immer wieder einige freie Schritte auf Jesus zu-taumeln ­– denn ER steht ein paar Schritte voraus, will mich mit geöffneten Armen auffangen. Darum darf ich auch mal fallen. Solange ich Jesus vor mir sehe, der mir beim Wiederaufstehen helfen wird. Dazu ermutigt im evangelischen Kirchenkalender der Sonntag Okuli: „Meine Augen sehen stets auf den Herrn!“ (Psalm 25,15).

Pfarrer Martin Schuler