2021-02-07

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Eine kleine Gebrauchsanweisung fürs Beten

Gebetswand in der Erlöserkirche

„Ihr betet doch da bestimmt immer, oder?“, meinte vor Jahren eine Mitbewohnerin zu mir, kurz nach meinem Einzug in die neue WG. Von dem, was in meinem Theologiestudium damals wirklich dran war–alte Sprachen, Geschichte, Philosophie, Pädagogik oder Psychologie – hatte sie kaum eine Vorstellung. Trotzdem berührte meine Mitbewohnerin mit ihrer Frage einen wichtigen Punkt. Denn auch Beten will gelernt und geübt sein. Sonst wird das nichts. Daher hier und heute eine kleine Gebrauchsanweisung fürs Beten:

Lektion 1:
Beten, so erkläre ich es in meinen Grundschulklassen, bedeutet: Ich erzähle Gott, was gerade bei mir los ist. Das, was mich freut. Das, was mich bedrückt. Das, was ich hoffe. Vor Corona probierten das die Kinder auch jede Woche im Morgenkreis aus. Sie erzählten von sich und legten danach je nach Stimmungslage ein Rosenblatt (Freude), einen Stein (Kummer) oder eine Muschel (Hoffnung) in die Mitte.

Lektion 2:
Beten geht im Grunde immer und überall. Es muss nicht in der Kirche sein. Jesus riet den Menschen, die zu ihm kamen: „Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu“ (Matthäus 6,6a). Doch eigentlich ist jeder Ort möglich. Wichtig ist nur, dass es ein Ort ist, an dem ich für mich zur Ruhe kommen kann.

Lektion 3:
Beten fällt leichter, wenn man ein vorformuliertes Gebet parat hat und nicht groß nach eigenen Worten suchen muss. Jesus hat daher die Menschen, die ihm nachfolg(t)en, ein Gebet gelehrt, nämlich das Vaterunser (Matthäus 6,9-13). Mit seinen Bitten ist das Vaterunser ein Rundumschlag, der vieles abdeckt, was fürs Leben wichtig ist. Zugleich ist das Vaterunser aber auch eine Art „Koffertext“. Seine Formulierungen sind so offen, dass sich beim Beten des Vaterunsers gedanklich all das hineinpacken lässt, was einen gerade umtreibt und wofür man vielleicht keine eigenen Worte hat.

Lektion 4:
Beten ist nicht nur ein Gespräch mit Gott. Beten ist immer auch ein Gespräch mit mir selbst. Beim Beten kann ich für mich klären, was bei mir gerade los ist und wie ich im Leben stehe. Ich kann mich fragen: „Wofür bin ich dankbar?“, „Worum will ich bitten?“, „Wo ist mir nach Klagen zumute?“. Wenn ich mein Leben mit Hilfe dieser Fragen abklopfe, kann es sein, dass mein Leben plötzlich sehr viel bunter und reichhaltiger aussieht als es im Alltagsgrau zunächst schien. Es kann sein, dass ich Schönes und Trauriges besser nebeneinander stehenlassen kann. Und es kann sein, dass ich auf einmal Gott von mir erzähle. Nicht mit geborgten Worten, sondern mit meinen eigenen. „Ihr betet doch da bestimmt immer, oder?“, fragte mich vor Jahren die Mitbewohnerin in der neuen WG, als sie von meinem Studienfach hörte. Damals schüttelte ich kräftig den Kopf. Heute tue ich das wieder: Nein, fürs Beten braucht es wirklich keine Praxisseminare an der Uni. Man kann einfach so und jeden Tag damit anfangen. Etwa mit dem Anzünden einer Kerze in der Gebetsecke in der Erlöserkirche oder mit einem hingekritzelten Zettel an der Gebetswand. Haben Sie Lust?

Pfarrer Christoph Hilmes