2021-01-17

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Hab ich einen Durst und eine Sehnsucht…
…nach einem gescheiten Getränk und Geselligkeit in der Gastwirtschaft oder Berghütte, im Anschluss an den Sport oder nach der Wanderung!
…nach einem gescheiten Theater- oder Konzertbesuch; nicht nur per Streaming am PC oder am Fernseher, sondern in echt, real, mit allen Sinnen im Konzertsaal!

Doch geht momentan leider nicht – alles geschlossen oder verboten.

Hab ich einen Durst und eine Sehnsucht
…nach einem gescheiten evangelischen Gottesdienst mit Singen, kompletter Liturgie und vielleicht sogar Abendmahl und Kirchenkaffee; nicht nur immer diese arg kurze Form wegen Corona und wegen der Kälte in der Kirche!

Doch geht momentan leider nicht – das eine ist strikt verboten, das andere ist nicht ratsam, um das Risiko beim Gottesdienst möglich gering zu halten, sagt der Pfarrer.

Hab ich einen Durst und eine Sehnsucht…
…nach Normalität in meinem Beruf, wo täglich der Ausnahmezustand herrscht.
…nach etwas Besonderem in meiner Freizeit, wo täglich die Entbehrung und der Mangel herrscht.

Hab ich einen Durst und eine Sehnsucht…
…mal wieder nach einem gescheiten Familienfest oder sogar nach einer ordentlichen Hochzeit: ausgelassen und sorglos das Leben und die Liebe feiern, in guter Gesellschaft mit anderen, mit schöner Musik und gutem Wein!

Das Bild einer rauschenden Hochzeit, mit ordentlich Lebensfreude und gutem Wein, das stellt uns auch der Evangelist Johannes im heutigen Predigttext (Johannes 2,1-11) vor Augen, um uns zu verdeutlichen:
ER bringt Freude und Fülle und Er-füllung, ja, Herrlichkeit in dein Leben, wo DU gerade an Durst und Mangel, an Enttäuschung und Entbehrung leidest.

Der Evangelist Johannes weiß nur zu gut, in welcher Armut, in welcher Bedrängnis und Not die Christen damals lebten, unter wieviel Ungerechtigkeit sie litten, wie unglücklich sie in ihrem tristen Alltag waren. Und so greift er ganz bewusst ihre Sehnsucht und ihren Durst nach einer wunderbaren Hochzeitsfeier auf, malt ihnen ein ganz kräftiges Bild in buntesten Farben vor Augen.

Wenn wir ehrlich sind, ist so eine Hochzeit auch heute noch für viele das Höchste der Gefühle, eine große Sehnsucht, ganz besonders in diesen entbehrungsreichen Monaten der Corona-Pandemie! So ruft der Evangelist Johannes auch uns zu: Schaut auf Jesus und betet darum, dass ER in euer Leben kommt. Denn: Jesus ist erschienen, um Freude und Lebendigkeit in die Welt zu bringen. Er will nicht, dass wir Mangel und Dunkelheit haben, sondern echte Fülle, helle Freude!

Genauer noch: Das messianische Zeitalter hat mit IHM begonnen! So muss man die Episode von der Hochzeit zu Kana wohl verstehen. Für die jüdische Welt damals war der heutige Predigttext ganz  unmittelbar verständlich: Wo der allerbeste Wein in Strömen fließt, da ist der Messias da!

Das war und ist freilich – damals wie heute – eine höchst anstößige Botschaft. Zum einen haben viele Menschen gefragt: Wo ist sie denn, die messianische Herrlichkeit, die mit Jesus angeblich schon in der Welt ist? Ich seh sie nicht! Bei uns herrscht eher Mangel und Durst, obwohl ich getaufter und gläubiger Christ bin! Und: Darf man als Christ wirklich feiern?

Denen entgegnet der Evangelist: Zum Teil hast du Recht! Die ganz große Vollendung steht wirklich noch aus. Meine Zeit ist noch nicht gekommen, sagt Jesus damals schon. Und so müssen wir wohl immer noch Geduld haben, ausharren, bis heute!

Jesus, so hat es den Anschein, lässt sich manchmal schon arg bitten und lässt sich oft ganz schön viel Zeit! Das musste nicht nur seine Mutter damals erfahren, sondern Christen aller Zeiten. Oft genug schmerz-voll.

Und doch sollt ihr Christen diese Sehnsucht, diese Hoffnung auf die große Wandlung am Ende nicht verlieren. Haltet euren Durst, eure Sehnsucht wach, damit ihr dann wirklich mitfeiern könnt, wenn es soweit ist, wenn Jesus ganz und gar sichtbar erscheint, am Ende der Zeiten.

Doch auch jetzt schon – so lautet die zweite Botschaft des Evangelisten ­– sollt ihr mitten in eurem Leben solche Strahlen von Jesu Herrlichkeit erkennen: überall dort, wo Freude in eurem Alltag ist, gute Gemeinschaft, Liebe, innerliche Erfüllung, aber auch Unterbrechung aller Mühen des Alltags!

Deshalb: Bittet Jesus, in euer Leben zu kommen, und genießt dann bitte auch das Schöne und Fröhliche in eurem Leben! Es kommt von Gott. Schon wahr, unter Corona-Bedingungen ist das derzeit alles etwas schwieriger mit dem Genießen, aber dennoch bleibt diese Botschaft des Evangeliums wahr; und es kommen auch wieder normalere Zeiten.

Gott will nicht, dass ihr dauernd enttäuscht und traurig und miesepetrig und dauer-asketisch und lust-feindlich durch die Welt lauft, sondern erfüllt von innerer wie äußerer Freude, immer wieder mit allen Sinnen genießend sollt ihr leben!

„Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude“ (EG 66,1). Jetzt schon beginnt das und wird immer deutlicher und heller werden! Das ist und das bleibt die hoffnungsvolle wie anstößige Botschaft bis heute.

Jesus will uns an-stoßen, dass wir immer wieder auf-brechen, raus-gehen aus unserm Jammertal und der himmlischen Vollkommenheit entgegen-wandern: zum gescheiten Schoppen in der himmlischen Berghütte mit Gott, könnte man sagen.

Und bereits auf dem Weg dorthin sollen wir immer wieder Wunder erleben, Verwandlung von Wasser zu Wein. Wie einst auf der Hochzeit zu Kana, so auch heute, morgen und in Ewigkeit! Amen.

Pfarrer Martin Schuler