2021-01-10

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„Mache dich auf, werde licht!“

Noch steht in vielen Wohnungen und Häusern ein Weihnachtsbaum. Noch hängt die Weihnachtsbeleuchtung in den Gassen der Eichstätter Altstadt. Doch das Licht des Weihnachtsfestes scheint zu Beginn dieses neuen Jahres schon fast vergessen. Stattdessen Verlängerung des Corona-Lockdowns, Flüchtlinge ohne Fürsprecher in Bosnien oder kapitolstürmende Trump-Anhänger in Washington D.C. Einen Gegenpol zu diesen dunklen, wenn nicht gar finsteren Ereignissen bildet für mich eine biblische Verheißung, die im Buch des Propheten Jesaja überliefert ist. Dort heißt es: „Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir!“ (Jesaja 60,1).
Der Prophet, von dem diese Worte stammen – er lebte vermutlich im 6. Jahrhundert vor Christus –, wusste natürlich noch nichts von Weihnachten. Er richtete seine Worte an Menschen, deren Vorfahren von den Babyloniern aus ihrer Heimat Palästina in das Gebiet des heutigen Irak verschleppt worden waren. Nach Jahrzehnten in der Fremde durften sie nun in das Land ihrer Vorfahren zurückkehren. Dort hatte allerdings niemand auf sie gewartet. Die Zukunftsfreude der Rückkehrer drohte zu zerbröseln. In dieser misslichen Lage ermutigte sie der Prophet, nicht auf das Dunkle und Schwere zu stieren, sondern das Lichte in ihrem Leben zu suchen und Gott eine Wendung ihrer Situation zuzutrauen.
Wie gesagt: Der Prophet, von dem diese Worte stammen, wusste noch nichts von Weihnachten. Aber seine Worte haben durchaus einen weihnachtlichen Klang. Auch wenn das Weihnachtsfest am Ende eines jeden Jahres steht, setzt es doch keinen Schlusspunkt, sondern es ist ein Anfang. Es ist der Anfang einer von Gott eröffneten Zukunft, die durch den Traum von Frieden, Gerechtigkeit und Freiheit bestimmt ist. Für diesen Anfang steht das Kind in der Krippe, das – nach dem Johannesevangelium – das „Licht der Welt“ (Johannes 8,12) ist.
Die Hirten und die Weisen aus dem Morgenland waren gemäß der biblischen Weihnachtsgeschichten die ersten bei dem Kind in der Krippe. Das Licht, das von ihm ausging, hatte sie angezogen. Einige Zeit verweilen sowohl die Hirten als auch die Weisen in dem Stall mit der Krippe und dem Kind. Danach gehen sie wieder ihrer Wege. Sonst erfährt man nichts mehr von ihnen. Ich stelle mir jedoch vor, dass die Zeit an der Krippe in ihnen den Traum von Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit neu geweckt hat und dass sie fortan das Ihre dazu beigetragen haben, dass die Welt lichter wird.
Auch wir lassen Weihnachten nun hinter uns und gehen weiter in das neue Jahr. Dabei kann das, was einst der Prophet den enttäuschten Heimkehrern zurief, auch für uns ein Leitstern sein: „Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir!“

Pfarrer Christoph Hilmes