2020-12-24

Wann würde es denn passen…?

In diesem Jahr ist das Timing besonders schlecht: Ausgerechnet am gefühlten Höhepunkt des Jahres sollen wir uns deutlich einschränken und möglichst allein zuhause bleiben – statt Froh-locken haben wir Lock-down.

Ich werde mich jetzt nicht in die Schar derer einreihen, die seit Wochen Tipps geben, wie wir Weihnachten doch noch retten können… nach dem Motto: „Alles ein bisschen bescheidener, tut uns doch auch mal gut!“.

Nein, für mich ist Weihnachten in diesem Jahr wirklich „bescheiden“:
So viele Kranke und Gestorbene; soviel medizinisches Personal am Rande der Erschöpfung; so viele Menschen in Angst und Sorge um die Zukunft – und das mitten im hoch-technologisierten und wohlhabenden Deutschland!
Wenn man Weihnachten doch nur ins Frühjahr oder lieber gleich in den Sommer verschieben könnte! Jedoch: Ob wir tatsächlich einen gemeinsamen Alternativtermin finden würden, wo wirklich alles passt?

Ich persönlich erinnere mich an Weihnachten in meiner Kindheit, mitten in den düsteren 80er Jahren, als meine Großmutter kurz vor oder nach der Bescherung zu „politisieren“ begann, sprich: ausgeschnittene Zeitungsartikel rumreichte, mit schlimmen Nachrichten aus Bürgerkriegsländern. Sie war damals eine der ersten „Grünen“ in der „kohlrabenschwarzen“ Oberpfalz und konnte uns durch ihr vielfältiges Engagement (gegen das Waldsterben und gegen die WAA Wackersdorf, für Amnesty International und Ärzte gegen den Atomkrieg uvm.) die Weihnachtsstimmung immer wieder gehörig verhageln, wenigstens vorübergehend.

Auch in späteren Jahren habe ich oft schlucken müssen, wenn ich zu Weihnachten von Wirbelstürmen oder Flüchtlingselend gehört habe; schlimmer noch: wenn Familienangehörige ausgerechnet zu Weihnachten im Krankenhaus lagen; oder wenn ich dann als junger Pfarrer kurz vor oder nach Weihnachten Beerdigungen halten musste, in einer weihnachtlich geschmückten Kirche.

Genau da habe ich jedoch gemerkt, wie wichtig und wohltuend es war, dass da ein Christbaum stand, dass die Kerzen brannten, dass die Weihnachtsbotschaft trotzdem verkündet wurde: „Fürchtet euch nicht: Euch ist heute der Heiland, der Erlöser in aller Not geboren. Unscheinbar und leicht zu unterschätzen, der kleine Bursche… Aber doch wahrhaft Gottes Sohn, Gott selber. ER will euch nahekommen und trösten und neue Kraft und neue Hoffnung geben, Licht in eure Dunkelheit bringen, so manches heilen und versöhnen ­– auf, dass diese friedlose Welt ein bisschen friedlicher und vielleicht auch fröhlicher werde – mitten in eurem Schlamassel!“.

Mangels Stimmung oder Vorfreude hätte ich Weihnachten schon mehrere Male am liebsten verschoben oder abgesagt; und doch finde ich, dass Weihnachten trotzdem irgendwie begangen werden darf und sogar muss.

Auch im und nach dem Zweiten Krieg wurde Weihnachten in Europa begangen und hat den Menschen Mut gemacht. Sogar in der sogenannten Dritten und Vierten Welt brauchen die Menschen Weihnachten. Sie können es gar nicht dauernd absagen, denn passen würde es ja nie.

Nein, ich will nichts verharmlosen; ausgerechnet das Fest der Liebe darf in diesem Jahr wirklich nicht mit zu viel Nähe und Gemeinschaft gefeiert werden; das ist wahr! Aber mit Vorsicht und Kreativität ist doch noch einiges möglich, bei uns im hoch-zivilisierten Deutschland; auch die seelischen, psychischen und geistlichen Bedürfnisse dürfen nicht völlig runterfallen. Dann aber sollte auch das Schweigen und Beten für unsere Kranken und Verstorbenen dazugehören; Weihnachten ist seit Jahrhunderten ausgerechnet in der dunkelsten Jahreszeit, damit wir Kerzen anzünden. Nicht gegenseitig verurteilen, sondern gegenseitig beistehen, so gut es geht!

Dazu gehört freilich auch, die ganz große Welt „da draußen“ im Auge zu behalten, wie es meine unbequeme Großmutter angemahnt hat. Die Geburt des Heilandes will von jeher allen Menschen helfen, gerade auch den Ärmsten… Sie brauchen allerdings nicht nur Worte der Hoffnung und unser Gebet, sondern auch ganz konkrete Spenden von uns Christen, zum Beispiel an „Brot für die Welt“ oder „Adveniat“. Darum bitte ich auch Sie, liebe Leserinnen und Leser, so gut es Ihnen möglich ist.

Ein letzter Gedanke: „Ehre sei Gott in der Höhe – und Frieden auf Erden!“, singen die Engel im Weihnachtsevangelium. Schon damals „passte“ es eigentlich gar nicht: In einer zugigen Garage während der römischen Besatzungszeit in Israel-Palästina, als kleines wehrloses Kind, ganz ohne Security, vom mordlustigen König Herodes gesucht, dann gleich Flucht von Bethlehem nach Ägypten, ganz ohne Kindersitz auf einem windigen Esel… am Ende gekreuzigt wie ein Schwerverbrecher, obwohl er doch eigentlich nur Frieden bringen wollte!

Gott hat sich ganz schön viel zugemutet, als er in die Welt kam, hat ein recht hohes Risiko auf sich genommen, um uns seine Liebe und seine Nähe zu zeigen. Nein, soviel Risiko sollten wir Menschen in diesen Tagen nicht auf uns nehmen – aber deutlich mehr Gelassenheit täte uns wohl gut, dass es auch ohne riesige Feiern „richtig Weihnachten“ werden kann.

Nämlich dann, wenn wir endlich mal zur Ruhe kommen und unser Innerstes für Gott öffnen – so dass Jesus auch in unser Herz hinein-geboren werden kann. Dann wird sein Licht und sein Frieden auch unsere Dunkelheiten erhellen. Das soll unsere größte Zuversicht im Leben und im Sterben sein, wie es schon im Heidelberger Katechismus im 16. Jahrhundert hieß, im ungemütlichen Mittelalter.

„Fürchtet euch nicht, steht einander bei und vertraut darauf, dass Jesus es wieder hell werden lässt!“ Wann würde es denn passen, wenn nicht jetzt…?

Pfarrer Martin Schuler