2020-12-13

Bereitet dem HERRN den Weg – denn er kommt mit Macht!

So ruft uns die göttliche Stimme zu – durch den Mund des Propheten Jesaja (Kapitel 40,1-11), aber auch durch Johannes den Täufer, den letzten Vorläufer und Ankündiger für Jesus.

Bereitet dem HERRN den Weg – macht eine ebene Bahn, räumt die Hindernisse weg –
damit Gott selber zu euch kommen kann, in eure Herzen einziehen kann, damit er euch trösten, stärken, heilen und verwandeln kann.

Wie heißen unsere Hindernisse im Advent 2020?

Viele von uns machen sich Sorgen: Wieviel bleibt von Weihnachten in diesem Jahr überhaupt noch übrig – angesichts der hohen Corona-Zahlen und immer mehr Einschränkungen?

So mancher von uns spürt vielleicht auch Enttäuschung oder Wut: Warum hat man nicht früher mit den scharfen Maßnahmen begonnen? Oder: Warum halten sich die Leute einfach nicht dran…? Aber auch: Wie soll ich das alles weiter durchhalten – wovon soll ich leben?

Ja, und unabhängig von Corona ist da oft genug noch der andere Groll: alte Familiengeschichten, alter Streit und alte Verletzungen.

Und wenn wir in die große Welt hinausschauen: Wieso werden noch immer Menschen verfolgt, eingesperrt und getötet, wie damals Johannes der Täufer – weil sie für Recht und Gerechtigkeit, für Wahrheit und Wahrhaftigkeit, für Gleichberechtigung und Fairness eintreten?

Kein Wunder, wenn unser Herz da immer wieder zu-schließt, aus Selbstschutz die Rollläden runter-lässt, sich ein-kapselt. Lock-down des Herzens – nicht nur in diesem Jahr!

Und trotzdem und mit gutem Grund ruft uns der Prophet zu:
Bereitet dem HERRN den Weg – macht eine ebene Bahn, räumt die Hindernisse weg –
so gut es geht!

Natürlich, liebe Gemeinde, können wir in diesem Jahr besonders viel klagen und jammern, dass wir nicht in Weihnachtsstimmung kommen – weil uns dauernd von außen die Weihnachtsfreude verhagelt wird.

Aber wenn wir genauer hinschauen, werden wir merken:  Das sind doch nur äußerliche Ausreden! Das Entscheidende muss in unseren Herzen geschehen, sagt die Bibel seit Jahrhunderten.

Ob es in uns Weihnachten in uns werden kann, ob Jesus in unser Herz hineingeboren werden kann, ob wir in uns Freude und Freiheit, Erleichterung und Erlösung spüren – das hängt doch nicht am Glühwein, an den Geschenken und am Weihnachtsessen!

Sondern daran, dass wir unsere Fragen und Sorgen und Ängste überwinden und das Vertrauen und die Hoffnung auf das Kommen unseres Heilandes wichtiger nehmen als alles andere!

Da muss tief drinnen in uns was passieren, sich verändern;  da muss in unserem Herzen freigeräumt werden, wieder aufgesperrt werden… Das ist die große Botschaft der Propheten, der Ankündiger, der Vor-arbeiter für Gottes Kommen.

Freilich: Zu solchem Aufräumen, Freiräumen, Vergessen und Verzeihen gehört ganz schön viel Kraft, die uns oft genug ausgeht.

Wahrscheinlich gelingt uns solches Wegräumen der Hindernisse auch nie vollkommen und dauerhaft, sondern immer nur stückweise, tendenziell, graduell –  aber wenigstens ein bisschen Weg zwischen den Felsen können wir dann doch hindurchbahnen, wie ein schmaler Bergbach sich den Weg bahnt zwischen dem Schutt.

Das Tröstliche dabei ist: Das Meiste wird Gott machen! Durch seinen Heiligen Geist!

Der HERR kommt… ER kommt mit Macht, heißt es bei Jesaja und allen anderen Propheten – das ist die eigentliche Hauptbotschaft heute, die wir unbedingt hören sollen.

Was WIR zum Kommen Gottes beitragen können, ist so gesehen relativ wenig;
und diese Erkenntnis möge uns vor übertriebenem Aktionismus oder Verzweiflung bewahren.

Gott kommt uns auf jeden Fall nahe, lässt sich nicht aufhalten, räumt das allermeiste selber weg, was seinem Willen zur Versöhnung entgegensteht, lautet die Hauptbotschaft  –
aber beim letzten Stück, an der Pforte zu unserem Herzen müssen wir Menschen selber mithelfen, selber öffnen, hören wir zugleich.

Gott kommt, mit Macht… aber auf seine ganz eigene Weise… oft auch ganz anders, als wir es erwarten, werden wir schließlich im Weihnachtsevangelium (Lukas 2) hören.

Vielleicht ist es also – wie eigentlich schon immer – auch in diesem Jahr das Einfachste und Beste, auf dieses Kind in der Krippe zu schauen, sich von seinem Neugeboren-Sein anrühren zu lassen, sich von all der Hoffnung auf Neuanfang im Stall bewegen zu lassen.
 
Gott gibt nicht auf, lässt sich von all unserem Schutt und unseren Sorgen und Bedenken nicht beirren – sondern sucht und findet immer wieder einen neuen Weg zu uns, ins Herz – auf dass dieses oft dunkle Herz wieder hell werde, auf dass unsere Seele wieder singe.

Dafür sollen wir bereit bleiben, offen bleiben – mit ganz viel Vertrauen, dass diesem Gott kein Ding unmöglich ist, wie es im Lobgesang der Maria heißt. Auch Maria übrigens eine große Prophetin, eine Weg-bereiterin Gottes und unübertroffenes Vorbild für uns –  mit ihrer unendlichen Offenheit für Gott.

Bereitet dem HERRN den Weg – macht eine ebene Bahn, räumt die Hindernisse in euch weg, macht euer Herz auf – denn Gott selber kommt mit Macht, will mit Herrlichkeit einziehen, die sich freilich in ganz viel Zartheit verbirgt:

In Jesus Christus, in diesem kleinen Kind, sollt ihr finden alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis, wahre Freude und Freiheit, wirkliche Heilung und Erlösung.

Darum: Fürchtet euch nicht, lass euch nicht von den Sorgen dieser Welt das Herz zuschnüren, sondern lasst eine Lücke offen – damit Jesus auch bei euch einziehen kann – in der Kraft des Heiligen Geistes. Amen.

Pfarrer Martin Schuler