2020-11-29

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Gottes Menschenliebe findet einen Weg zu uns

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

„Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging …“ – so beginnt die Weihnachtsgeschichte in der Bibel. Ein Bote des Kaisers verkündet in unserem Krippenspiel dieses Gebot allen Bewohnern von Nazareth. Sonst ist dieser Bote eher eine Nebenfigur. Doch in diesem Jahr gewinnt er eine besondere Bedeutung.

Der römische Herold, der Maria und Josef befiehlt, von Nazareth nach Bethlehem zu wandern – er steht für mich in diesem Advent für alles, was uns hindert, an Orten zu sein, wo wir gerne wären. Für alles, was uns hindert, Menschen zu treffen, mit denen wir gerne zusammen sein möchten. Für alles, was uns daran hindert, lieb gewordenen Gewohnheiten wie z.B. dem gemeinsamen Singen oder Musizieren nachzugehen, die sonst zu dieser Zeit dazugehören.

Immerhin hat für uns dieses „Geht nicht“ einen guten Sinn, nämlich die Gesundheit und das Leben anderer zu schützen. Maria und Josef hingegen mussten das Gebot des Kaisers nur befolgen, um sich seiner ausbeuterischen Steuerpolitik zu unterwerfen.

Und dennoch gewinnt die Rolle des Boten sogar vor dem negativen Hintergrund der römischen Fremdherrschaft eine positive Bedeutung: der Bote des Kaisers Augustus setzt die ganze Weihnachtsgeschichte in Gang. Ohne ihn gäbe es keinen Weg nach Bethlehem, keine Heilige Nacht im Stall, keine Engel auf den Schafweiden, keine Hirten an der Krippe.
So hat Gott vor ca. 2020 Jahren die Weltgeschichte in seinen Dienst genommen, um in unsere Welt zu kommen. Und so kommt er auch heute in unsere Welt, wie sie eben gerade ist.

„Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer.“ (Sacharja 9,9) – lautet der Wochenspruch zum 1. Advent aus dem Buch des Propheten Sacharja. Gott kommt, um uns zu zeigen, dass er ganz anders ist als wir das möglicherweise von ihm befürchten. Er kommt nicht als strenger Befehlshaber, sondern als kleines Kind, das unser Herz erfreut und das später den Menschen Gutes tun wird.

Wenn wir uns fragen, wie die Advents- und Weihnachtszeit in diesem Jahr wohl werden wird, dann gibt mir die Geschichte von Maria und Josef die Hoffnung: auch in diesem Jahr, auch unter Coronabedingungen wird Gottes Menschenliebe Wege zu uns finden. Sie lässt uns etwas vom Advent, von Jesu Ankunft in unserer Welt spüren. Möglicherweise an anderen Orten, als wir es gewohnt sind. In anderen Begegnungen, als wir es erwarten. Oder sogar in der Zeit, in der wir das nicht machen können, was für uns sonst Advent bedeutet.

Aber: Gott kommt in unsere Welt – nicht zuletzt auch durch uns Menschen selbst. Wir selbst können Boten werden – des Königs, der „Heil und Leben mit sich bringt“, wie es in dem Lied „Macht hoch die Tür“ heißt. Ich wünsche uns allen für diese Adventszeit, dass wir Gottes Menschenfreundlichkeit erfahren und so etwas von seinem Frieden und seiner Barmherzigkeit in die Welt bringen können.

Pfarrerin Christiane Rabus-Schuler