2020-10-31

Jesus, ein Revoluzzer…?

„Jesus verkündet Lockerungen beim Feiertagsgebot“ ­– so möchte man die Episode spontan betiteln: Die Jünger Jesu rupfen beim Durchqueren eines reifen Kornfeldes ein paar Ähren für den kleinen Hunger zwischendurch; und ein paar Zeitgenossen werfen den Jüngern sogleich vor, dass sie damit das Ruhegebot am siebten Tag der Woche gebrochen hätten. Jesus hält diesen Vorwurf für völlig übertrieben: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht – und nicht der Mensch um des Sabbats willen“ (Markus-Evangelium 2,23-27). Damit will Jesus wohl sagen: Was ist der ursprüngliche Sinn vom siebten Tag der Woche? Ausruhen und Erholung nach sechs harten Arbeitstagen, klar. Aber doch nicht in Leichenstarre und Friedhofsruhe, die alles verbietet. Das Sabbatgebot hat dienende Funktion, zur Bewahrung und zum Schutz des Lebens.

Erscheint uns sympathisch und lebensnah, dieser Jesus, wie er gegen übereifrige, buchstabentreue Autoritäten trotzig für Freiheit eintritt; fast wie der Reformator Martin Luther, der die Kirche damals von überflüssigem Ballast reinigen wollte. Jesus und Luther – die liberalen Revoluzzer?

Doch Stopp! Der aufmerksame Bibelleser weiß: Andere Gebote verschärft Jesus sogar, zum Beispiel das 5. Gebot: Nicht erst, wer jemanden tötet, macht sich des Gerichts schuldig; sondern schon, wer mit seinen Mitmenschen „zürnt“, sie „Nichtsnutz“ oder „Narr“ nennt, wird schuldig (Matthäus-Evangelium 5,21-22). Bereits der Gedanke, bereits das Wort gebiert Unheil.

Wie passt das nun zusammen – das Lockern einerseits und das Verschärfen andererseits? Die gemeinsame Linie dahinter ist, dass alle Gebote dem Schutz des Lebens und ganz besonders auch der Bewahrung der Gemeinschaft (!) dienen sollen – aus der Erkenntnis heraus: Der einzelne kann nur in der Gemeinschaft über-leben.

Genau darum hat das Gottesvolk Israel nach der Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei die 10 Gebote bekommen, damit sich ihre dunkelsten Erfahrungen niemals wiederholen: Nicht Ausbeutung, Unterdrückung und Willkür sollten herrschen, sondern eine Art früher Rechtstaat sollte die neu gewonnene Freiheit, das Leben und die Gemeinschaft des Gottesvolkes schützen. In dieser uralten jüdischen Tradition sieht sich auch Jesus, wenn er einerseits an der unauflösbaren Grundsätzlichkeit der 10 Gebote festhält, andererseits aber an den Ausführungsbestimmungen feilt – anhand der Leitfrage: Was dient dem Leben?

Ja, manchmal folgen daraus Lockerungen, manchmal aber auch Verschärfungen. Nicht obrigkeitshörigen Gehorsam oder realitätsblinden Egoismus, sondern immer wieder nüchternes Prüfen und Abwägen, dann aber auch innerlich überzeugtes und freiwilliges Bejahen guter Regeln – das können wir bis heute von Jesus lernen. Es geht immer darum, den guten Sinn hinter allen Regeln zu verwirklichen: Die Bewahrung des Lebens in einer guten und solidarischen Gemeinschaft, im Geist der göttlichen Liebe. Solches Bemühen wünsche ich uns allen, quer durch alle Konfessionen, Religionen und Geisteshaltungen.

Pfarrer Martin Schuler