2020-09-06

Vermessung der Welt

Ob in Balkonien oder doch irgendwo auf einer Reise: Der „Corona-Abstand“ von 1,5 Metern war in diesem Sommer ein wichtiger Maßstab. Auch im Herbst wird er uns erhalten bleiben – nicht nur in unseren Hinterköpfen. In vielen Bereichen wird nach ihm die Welt vermessen werden, um zu entscheiden, wie wir uns in ihr bewegen können.
Um die Vermessung der Welt geht auch in dem gleichnamigen Roman des Schriftstellers Daniel Kehlmann (erschienen 2005). Natürlich ohne den „Corona-Abstand“ von 1,5 Metern. Dafür aber mit den Lebensgeschichten zweier befreundeter „Weltvermesser“: Alexander von Humboldt (1769-1859) und Carl Friedrich Gauß (1777-1855). Der eine ist ein abenteuerlustiger Forschungsreisender, der sich durch Urwälder und Steppen kämpft, Vulkane besteigt und Seeungeheuern begegnet. Der andere ein zurückgezogener Mathematiker und Astronom, der sich am Schreibtisch ins Reich der Zahlen vergräbt, die Flugbahnen von Himmelskörpern berechnet und die erste Telegrafenverbindung der Welt baut. Kurz: Zwei ganz unterschiedliche „Weltvermesser“, zwei ganz unterschiedliche Lebenswege. Im Roman beäugen Humboldt und Gauß einander immer wieder sehr kritisch. Außerdem streiten sie darüber, wer von ihnen wohl weiter in der Welt herumgekommen sei. Über viele Seiten hinweg erscheint Humboldt als der Umtriebigere und auch als der Erfolgreichere der beiden. Am Ende des Romans ist es jedoch Gauß, der mehr mit sich im Reinen zu sein scheint.

Bei Daniel Kehlmann stehen Humboldt und Gauß für ganz unterschiedliche Lebenshaltungen. Aktiv, engagiert, die Welt gestaltend die eine, die andere dagegen zurückgezogen, nachdenkend, forschend. Die Fragen, denen sich die beiden Romanfiguren gegenübersehen – Wie möchte ich auf die Welt zugehen? Wie will ich mich in ihr bewegen? Wie will ich sie für mich vermessen? –, ploppen bis heute in jedem Leben immer wieder auf. Mal lauter, mal leiser. Oft ist die Antwort auch kein starres Entweder-Oder. Oft geht es eher um graduelle Verschiebungen. Darum, welcher Haltung jemand eine Zeit lang mehr Raum geben möchte und welcher Haltung weniger. Ich denke, jene Fragen passen auch zu diesen Tagen, in denen die Ferien- und Urlaubszeit zu Ende geht und der Alltag mit Schule, Arbeit und Co wieder an Fahrt aufnimmt. Vielleicht ist ja auch für Sie jetzt ein guter Moment, um ein wenig darüber nachzusinnen, wie Sie in der nächsten Zeit auf die Welt zugehen, wie Sie sie für sich vermessen wollen.
Egal zu welchem Schluss Sie kommen: Der Anfang von Psalm 37 – „Befiehl dem Herrn Deine Wege“ (Ps 37,1) – ist ein schöner Reisesegen für den Start in Herbst. Es geht wieder los, trotz und mit Corona. Dabei wissen wir natürlich nicht, wohin uns unsere Wege in diesem Herbst führen werden. Aber, so die Verheißung von Psalm 37, wir dürfen darauf vertrauen, dass uns unsere Wege letztlich zum Guten ausgehen.

Pfarrer Christoph Hilmes