2020-04-26

Geistlicher Impuls zum Sonntag Misericordias Domini –
Was ist gerade trotzdem gut?

Jeden Tag kann ich zurzeit beobachten, wie sich die große Linde neben der Erlöserkirche mehr und mehr mit zartem Grün füllt. Aus dem scheinbar dürren Geäst des Baumes wächst neues Leben.
Die Freude, die der explodierende Frühling vermittelt, trägt auch diesen zweiten Sonntag der Osterzeit. Die Erde ist voll der Güte des Herrn. (Psalm 33,5) – so lautet sein Leitmotto aus Psalm 33. Dieser Psalmvers hat dem Sonntag seinen Namen gegeben: Misericordias Domini – Die Barmherzigkeit des Herrn.

Die aufblühende Natur und die Frühlingssonne sind gerade für viele Menschen eine Kraftquelle. Und die Lockerungen in den Corona-Maßnahmen scheinen unser Frühlingsgefühl zu beflügeln. Doch gleichzeitig stellt sich nun mit der fortschreitenden Jahreszeit auch die Erkenntnis ein: wir werden in den nächsten Monaten noch weiter mit diesem Virus leben müssen.
Das Sommersemester an der Uni wurde digital eröffnet. Das Homeschooling ist in die zweite Runde gegangen. Familien stehen vor der Herausforderung, ihren Alltag neu zu organisieren. Die wirtschaftlichen Folgen der Krise werden deutlich. Und Gesichtsmasken werden zum Alltag gehören.
Dennoch: eben, weil diese Krise unseren Alltag und unsere Planungen auf den Kopf stellt, regt sie auch unsere Wahrnehmung neu an. Und dieser Sonntag, der mit seinem Namen an die Güte Gottes auf der Erde erinnern will, bringt mich trotz so vieler erschreckender Nachrichten zum Nachdenken über die Frage: Was ist gerade trotz Coronakrise gut?
Ohne Freizeitstress zu leben, sagte dazu jemand in einer Umfrage. Dass ich mir ohne Gottesdienst mehr Gedanken über Gott mache, meinte ein anderer. Dass wir trotz allem genug zum Leben haben. Dass das Telefon öfter klingelt. Weniger Verkehrslärm und Abgase.  Dass man merkt, wie vieles überflüssig ist. Dass introvertierte Menschen jetzt einen Daseinsbewältigungsvorsprung haben.
Dass es so viel Hilfsbereitschaft gibt für ältere Menschen. Dass das Pflegepersonal und bislang wenig wahrgenommene Berufsgruppen jetzt systemrelevant sind und Anerkennung erfahren. Dass wir merken, wir sind eine weltweite Gemeinschaft, die mit dem gleichen Problem zu kämpfen hat.
Sicher können Sie die Liste noch für sich ergänzen, vielleicht sogar bei einem Spaziergang oder einer Radtour durch den Frühling.

Und was ist mit dem, was eben nicht gut ist? Es ist nicht vergessen. Ich denke an einen weiteren Baum, an dem ich in diesen Tagen oft vorbeikomme. Es ist der Lichterbaum in der Erlöserkirche. Jeden Tag zünden Menschen hier Kerzen an, für Menschen, denen es gerade nicht gut geht oder für Dinge, die ihnen Sorge und Angst machen. Mehr denn je sind wir in unseren Fürbitten verbunden.
So ist auch dieser Baum ein Zeichen der Hoffnung: Die brennenden Lichter erinnern daran, dass Gott keinen Menschen vergisst und uns nichts trennen kann von seiner Barmherzigkeit.

Pfarrerin Christiane Rabus-Schuler